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Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll

Maurizio Pollini, Christian Thielemann, Sächsische Staatskapelle Dresden

DG/Universal 4779882
(45 Min., 6/2011)

Im Sommer dieses Jahres durfte man sich in Dresden fragen, ob es zu einem Remake jener legendären Erklärung kommen würde, mit der sich am 4. April 1962 Leonard Bernstein vor Konzertbeginn bei seinem New Yorker Publikum entschuldigte: Er habe eigentlich ein ganz anderes Verständnis von Brahms‘ d-Moll-Opus als sein Solist Glenn Gould. Wie würde in Dresden der linksintellektuelle Strukturalist Maurizio Pollini mit dem Instinktmusiker Christian Thielemann zurechtkommen? Würde er sich gar vorab von jenem satten, schwergewichtigen „Brahms mit langem Bart“-Dirigat lossagen, das bereits Thielemanns Münchener Einspielung der ersten Sinfonie „auszeichnete“? Es kam ganz anders: Niemand wollte oder musste sich distanzieren, erst recht nicht Pollini von einem vermeintlich teutonischen Mühlstein-Dirigat. Nicht nur legte das namhafte Duo in den Ecksätzen zügige Tempi vor. Thielemann animierte seine neue Geliebte, die von ihm seit langem euphorisch besungene Sächsische „Wunderharfe“, deren Chef er bald sein wird, auch zu einem wundersam flexiblen Klang. Mit ihm verhalf er vergessenen Mittelstimmen zu ihrem Recht, gab sich – wie im Adagio, dem „sanften Porträt“ von Clara S. – vornehm-zurückhaltend und trumpfte – wie beim fiebrigen Beginn und der überschäumenden Rondo-Apotheose – machtvoll, jedoch ohne Getöse auf. Im Grunde also beste (orchestrale) Voraussetzungen für eine Sternstunde konzertanten Musizierens, zumal ja auch einer der versiertesten Brahms-Exegeten am Klavier sitzen sollte. Doch statt die trotzige Wut und sehnsüchtige Emphase des jungen Hanseaten-Genius zu vergegenwärtigen, blieb Pollini eigenartig distanziert. Nicht dass er den Akkord-Kaskaden und doppeloktavigen Triller-Orgien technisch etwas schuldig geblieben wäre; aber der unruhevolle, mal grüblerische, mal aufbrausende Sog, der seine früheren Einspielungen mit Böhm und Abbado auszeichnet (und in dem der werkimmanente „Kampf“ zwischen Solist und Orchester stets hautnah mitzuerleben ist), – der wollte sich in Dresden nicht recht einstellen. Abgeklärte Altersweisheit eines 69-Jährigen? Wie auch immer: Zu einer neuen Referenz reicht es an der Elbe dann doch nicht, dem prominenten Gespann zum Trotz.

Christoph Braun, 19.11.2011



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