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Joseph Gabriel Rheinberger

Das Klavierwerk

Jürg Hanselmann

Carus/Note 1 CAR83365
(1990-2004) 10 CDs

Joseph Gabriel Rheinbergers Klavierwerk ist ein überwuchertes Riesenmonument des Historismus, aufgebaut von einem Spätling, der stehenbleiben wollte, während die Musikgeschichte ungerührt an ihm vorbeiströmte, den Katarakten entgegen. Ein bewahrender, leidender Geist zehrte sich auf im Abscheu vor seiner Epoche, gegen die er ohnmächtig seine Werke anschrieb. Während Organisten und Chorsängern der Name Rheinberger noch etwas bedeutet, ist seine Klaviermusik in Vergessenheit gesunken, aus der sie der Schweizer Pianist Jürg Hanselmann in jahrelanger Ausgrabungsarbeit erlöste. Zunächst bei einem Kleinstlabel erschienen, hat Carus nun dieses Opus magnum als gewichtige Kassette publiziert, ein tragender Seitenast seiner vielbändigen Gesamtausgabe. Eine Herausforderung an den Hörer. Denn so leicht es uns fällt, den gärenden Jahrhundertwendestil der aufbrechenden Moderne zu goutieren, so schwer tun wir uns mit jenen, die das Ungleichzeitige, Auseinanderstrebende vergangener Epochen in ein Gleichzeitiges heikler Fragwürdigkeit zwangen – das in Rheinbergers Fall kein spätzeitliches Schillern veredelt.
Wer in seinem Werkkatalog blättert, wird sich inmitten nichtssagender Titel vielleicht zunächst an die Sonaten halten. Aber dieser Weg führt nicht sehr weit. Mögen auch Sätze wie die finale Tarantella der C-Dur-Sonate op. 47 flotte, wirkungsvolle Stücke sein, die „klassischen“ Arbeiten Rheinbergers graben sich nicht gerade ins Gedächtnis. So bleibt allenfalls hängen, dass Hanselmann nicht zur Spezies der sich ledern durch ihre Gesamtausgaben arbeitenden Pianophilologen zu rechnen ist. Er schüttelt solche virtuosen Nummern durchaus souverän aus dem Handgelenk.
Eine Lektüre des exzellenten, ausführlichen Beihefttextes lenkt uns zu den unter grauen Titeln wie „Sechs Tonstücke in fugierter Form“ versteckten Meisterleistungen. Rheinberger, „Fugenseppl“ genannt, gab sein Bestes in den mit 23 geschriebenen vierundzwanzig „Charakteristischen Fugen“, vor deren Gewicht ihm so bange wurde, dass er den Zyklus für unaufführbar hielt und aufsplitterte. Ein kontrapunktisches Meisterwerk von geradezu ungeheuerlicher Dimension wie die der Hammerklaviersonate nachempfundene Riesenfuge in C-Dur hatte das Glück, als „Präludium und Fuge zum Konzertvortrag“ op. 33 immerhin einzelpubliziert zu werden. Anderes wanderte, nahezu unkenntlich geworden, in die Reihen der „Tonstücke“ op. 39 und 68. Dort warten geradezu verschrobene Gebilde wie die b-Moll-Fuge (op. 39/3) auf den Neugierigen, deren Thema auf bizarre Weise eine tonale Zuordnung abschüttelt und dauernd in unerwartete Richtungen auszuweichen sucht – das ist ein ähnlich komplexer Neobarock wie bei Reger, aber doch filigraner, nervöser durchlichtet. Die in diesen Sammlungen aufgehobenen gigantischen Trümmer des Fugenwerks scheinen auch dem Interpreten sein Bestes abzufordern.
Zu soviel Ausdauer und Enthusiasmus, der auch nicht vor dem Matten, Verblassten erlahmte, das in manchen Charakterstücken eben auch wartet, ist Jürg Hanselmann zu gratulieren. Dass es noch Künstler und Labels gibt, die sich solchen erschöpfenden Expeditionen ins Entlegene hingeben, macht doch Hoffnung.

Matthias Kornemann, 03.12.2011



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