Die Aufnahme ist 17 Jahre alt und wird erst jetzt, ein Jahr nach Charles Mackerras‘ Tod, veröffentlicht. Sollte da ein Zusammenhang bestehen, der Maestro sich zu Lebzeiten gar gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen haben? Wenn ja, dann hätte der in New York geborene, in Australien aufgewachsene und in Old Europe berühmt gewordene Mackerras eigentlich keine gravierenden Gründe dafür gehabt. Sicher: In der Live-Aufnahme vom 26. August 1994 aus Edinburgh gibt es den ein oder anderen kleinen Bläser-Wackler und manchen Huster im Publikum; und auch die Tontechnik in der Usher-Hall war nicht die transparenteste.
Dennoch kann diese Neunte im überfüllten Katalog durchaus bestehen. Sie hätte vor 17 Jahren weit mehr Aufsehen erregt als heute, zumal die angelsächsischen Beethoven-Pioniertaten eines Norrington, Hogwood und Gardiner 1994 entweder gerade frisch oder noch nicht veröffentlicht waren. Schon in seiner Funktion als Ehrendirigent des Orchestra of the Age of Enlightenment stand Mackerras natürlich auf dem Boden der damals noch provokanten historisch informierten Beethoven-Exegese, wobei er einen – aus heutiger Sicht gesprochen – „Mittelweg“ zwischen Historisten und Traditionalisten einschlug. So folgt er, abzulesen etwa an Melodie-Korrekturen im eröffnenden Allegro, den Original-Partituren – ohne deren grenzwertige Metronomangaben rigoros umzusetzen; überdies ist bei aller historisch legitimierten Bläserpräsenz der OAE-Ton ein satter, gewichtiger, wenn man so will: dem „Mysterium“ der Neunten angemessener. Im Allegro nun peitscht Mackerras seine Truppe zum dämonischen Sturmritt und lässt sie anmutig und schlank, ohne romantischen Weihrauch, das Adagio singen; traditionell gibt er sich wiederum im berüchtigten Trio des Scherzo, ganz zu schweigen vom Prestissimo-Finale des Schlusssatzes, wo er – natürlich, muss man sagen – weit entfernt bleibt von Furtwänglers einzigartigem Furor. Apropos Finale: Die Gesangsleistungen der „New Company“ überzeugten nicht nur artikulatorisch, sie füllten die Usher Hall auch mit kompaktem, machtvollem Glanz. Schließlich erweist sich Mackerras auch als sängerfreundlicher Maestro: Mit zügigem Tempo meistern seine durchweg überzeugenden, in Neal Davies‘ Bariton gar grandios auftrumpfenden Solisten Beethovens wahrlich sängerfeindliche Klippen – wirkmächtig, ohne menschheitsumspannendes Vibrato-Wabern. Wie es sich für britische Kehlen gehört.

Christoph Braun, 10.12.2011



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