Zweifellos gehören Bellini, Verdi und Strauss, vielleicht auch Ambroise Thomas, zu den wichtigen Arienlieferanten bzw. Rezital-Prüfsteinen, denen sich ambitionierte Bühnenstars im Sopranfach stellen müssen. Wenn dann aber wie jetzt bei Christine Schäfers (schon äußerlich ziemlich extravagantem) Sony-Debüt noch Händel und Messiaen hinzu kommen, dann ist das Potpourri der 300jährigen Operngeschichte riskant weit gestreckt.
Allerdings nicht für die scheue, jeden Star-Rummel meidende „Anti-Diva“. Längst hat sie sowohl als barocke Oratoriensängerin wie auch als Cherubino, Traviata und Boulez-Zeitgenossin erfolgreich reüssiert. Auch ihre Rezital-Ergebnisse überzeugen – bis auf die Bellini-Ausnahme: Mit ihrem schlanken, glasklar geführten Sopran hätte sie die Finger bzw. Stimmbänder von der Sonnambula lassen sollen. (Der Name „Maria Callas“ sollte in diesem hochdramatischen Kontext besser ganz vermieden werden). Bei Verdis Ave Maria aus „Otello“ sieht die Sache der Frankfurterin schon vorteilhafter aus: Ihrer Desdemona – wie auch Händels Semele – verleiht sie anrührende Unschuldstöne. Brillieren kann Frau Schäfer bei der spritzigen „Manon“ Ambroise Thomas‘ sowie bei Strauss‘ dramatischer Ariadne und melancholisch sinnierender Capriccio-Gräfin. Hier wie auch in Messiaens vogelzwitscherndem Franz von Assisi ist der mit Charme und unverstellter Natürlichkeit (und maßvollem Vibrato) aufwartende Sopran in seinem Element.
So disparat das Gefühlsbad des Albums mitunter ist, so durchgehend gebannt kann der Hörer Julien Salemkours Deutschem Symphonie-Orchester Berlin lauschen, das sich nicht nur als hellhöriger Begleiter präsentiert. Thomas‘ „Raymond“-Ouvertüre, Bizets „L’Arlésienne“-Adagietto und Schönbergs drittes der 5 Orchesterstücke op.16 sind weit mehr als nur „Zwischenspiele“, wenn sie derart befeuert bzw. mit sublimsten Pastellfarben umhüllt werden wie hier. Auch da hat offenbar das außergewöhnliche Ausdrucksspektrum der Sopranistin Pate gestanden.

Christoph Braun, 17.12.2011



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