Er grübelt. Wo andere strahlen oder die Klingersche Titanenfaust recken, da grübelt er. Vielleicht darüber, wie man heutzutage, da sich die Regalböden längst unter ihren Einspielungen biegen, noch etwas Neues oder zumindest Bemerkenswertes zu Beethovens Sinfonien sagen kann. Bemerkenswert ist derzeit, dass sich unter den vier Neuerscheinungen des letzten Halbjahres – von Thielemann, Chailly, Krivine und eben dem nachdenklichen Philippe Herreweghe - keine reine „Originalklang“-Version befindet. Offenbar beschreitet die heutige Beethoven-Exegese neben dem streng historischen (à la Gardiner) und traditionellen (à la Thielemann) zunehmend einen dritten Weg: mit gänzlich oder überwiegend modernem Instrumentarium, das sich in Phrasierung, Akzentsetzung und korrekter Besetzungsstärke (mithin angemessener Balance zwischen Bläsern und Streichern) gemäß der Urtext-Editionen historisch informiert gibt. Auch Herreweghe geht diesen „mittleren“ Weg mit den Königlich Flämischen Philharmonikern, die, abgesehen von Naturtrompeten und Barockpauken, moderne Instrumente verwenden (wohingegen die Neunte, die er bereits 1998 bei HMC mit seinem Champs-Élysées-Orchester aufnahm, noch klar historistisch verankert war).
In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod. Beim radikalsten aller musikhistorischen Neuerer klingt der (satirische) Sinnspruch nicht ganz abwegig. Gerade bei Beethoven kann aus einem interpretatorischen Unentschieden wenn nicht der Tod, so doch Langeweile resultieren – heutzutage jedenfalls, wo es an markanten Vergleichsmöglichkeiten von Furtwängler bis Järvi und Chailly wahrlich nicht mangelt. Herreweghes Gesamtschau, kompiliert aus Einzelaufnahmen der Jahre 2004, 2007 und 2009, kennt im Gegensatz zu den genannten Kollegen-Einspielungen keine einheitliche Linie. Einerseits dirigiert der Flame strikt gegen teutonisch-titanische Traditionslasten an, wenn er überwiegend flotte (aber nicht rasante) Tempi anschlägt und, beispielhaft in den beiden Erstlingen und der Pastorale, eine kammermusikalisch luzide Stimmführung einfordert. Auch die bewusst unspektakulär, ja geradezu antiheroisch angegangene Eroica und die ebenso verhalten begonnene, dann aber vehement sich steigernde Fünfte (mit einem ungewohnt „sprechenden“ Oboensolo im Eröffnungssatz) künden von dieser „Anti-Tradition“. Allerdings: Sie überzeugt nicht durchgängig, der „Marca funebre“ der Eroica etwa kommt, bei aller lobenswerten Abkehr vom Titanenpathos, dann doch zu weich und konturenarm daher. Nicht minder zwiegespalten, wenn auch mit anderen Mitteln, hört man eine lautstarke, grimmige Siebte, in der dem Blech zwar gehörig Raum gegeben wird, das Tänzerische und orgiastisch Taumelnde aber auf der Strecke bleibt. Wohingegen die sonst so oft vernachlässigte Vierte und Achte eine mitreißend durchrhythmisierte Verve erfahren. Selten genug endlich bei Gesamteinspielungen: Die Neunte gelang am überzeugendsten, so flüssig und dennoch kraftvoll pointiert in den sforzato-Eruptionen geht Herreweghe sie an, ihr Adagio kommt wunderbar leichtgängig daher, und das Finale besitzt mit seinen (überwiegend) vorzüglichen Gesangsleistungen emphatische Begeisterungsmomente, auch wenn das Final-Prestissimo einmal mehr arg domestiziert daherkommt. So grübelt schließlich auch der Hörer über diesen flämisch-disparaten Beethoven.

Christoph Braun, 14.01.2012



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