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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



Die allererste Schallplattenaufnahme einer Lully-Oper war „Atys“ zwar nicht, als sie 1987 auf Vinyl herauskam (bereits zehn Jahre zuvor hatte Jean-Claude Malgoire mit „Alceste“ die diskografische Lully-Lücke gefüllt). Doch als William Christie Lullys vierte Tragédie en musique nicht nur an der Pariser Opéra Comique in der prachtvoll historischen Inszenierung von Regisseur Jean-Marie Villégier herausbrachte, sondern sofort auch noch einspielte, kam dies einer Wiedererweckung einer ganzen musikalischen Epoche gleich. Obwohl Frankreich nicht unbedingt an mangelndem Selbstbewusstsein leidet, was die Hege und Pflege seines kulturellen Erbes anbelangt, interessierte bis dahin ausgerechnet die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts kaum jemanden. Mit dem frankophilen Amerikaner William Christie änderte sich das auf einen Schlag, wurde seine Durchleuchtung und Beatmung des barock-klassizistischen Vokalstils Lully´scher Prägung zum wegweisenden Fundament nachfolgender Musikergenerationen und vielfacher Ausgrabungen meisterhafter Partituren.
Die Bühnenpracht der Aufführung von einst konnte man bislang nur erahnen, dank einiger wackliger Filmschnipsel, die im Internet kursierten. Jetzt aber liegt dieser epochale Abend in schönstem Klang und Glanz vor. Möglich gemacht hatte diese Wiederaufführung ein amerikanischer Geschäftsmann und Lully-Fan, der schon 1987 im Publikum saß. Mit einem wohl ziemlich dicken Scheck sorgte er nun dafür, dass sich Christie & Co. 2011 noch einmal in der Opéra Comique diesem Götter- und Liebesdrama widmen durften. 24 Jahre sind seitdem ins Land gegangen, in denen sich auch auf dem Gebiet der historischen Inszenierungspraxis allerhand getan hat. Wenn man jetzt allein den Fundus an barocken Handgesten vor Augen geführt bekommt, versteht man, welchen Einfluss Regisseur Villégier auf Kollegen wie Benjamin Lazar ausgeübt hat. Überhaupt scheint die Produktion während ihres Dornröschenschlafs keinerlei Staub angesetzt zu haben. Im Gegenteil. Auch mit einem nahezu komplett neuen Sängerteam versteht es William Christie, aus den prachtvoll ausstaffierten Perückenpüppchen wilde Leidenschaften herauszukitzeln, die vom Ensemble Les Arts Florissants mal elegant, mal farbenprächtig fortgesponnen werden. Formidable!

Guido Fischer, 14.01.2012



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