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Leoš Janáček

Glagolitische Messe, Sinfonietta

Christiane Libor, Ewa, Marciniec, Timothy Bentch, Wojtek Gierlach, Jarosław Malanowicz, Antoni Wit, Warschauer Philharmoniker, Philharmonischer Chor Warschau

Naxos NBD0026 (Blu-ray-Audio)/8572639 (CD)
(63 Min., 4/2010)

„In nebligen Fernen wuchs mein Dom, riesengroß wie Gebirge und Himmelswölbung; das Läuten besorgten die Glöckchen der Schafe. Einen Hohepriester höre ich im Tenorsolo, im Sopran ein Mädchen, einen Engel, und im Chor – das tschechische Volk“. So charakterisiert Janáček seine in nur wenigen rauschhaften Spätsommerwochen des Jahres 1926 vollendete „Mša glagolskaja“. Nicht eben ein christliches Bekenntnis, das der ehemalige Klosterzögling und Regens chori des Brünner Augustinerkloster zwei Jahre vor seinem Tod abgibt. (Einem Uraufführungs-Kritiker, der ihn 1927 einen Mann nennt, der auf seine alten Tage noch gläubig geworden sei, beschied der 72-Jährige wütend, er sei weder ein alter Mann noch gläubig, und Letzteres erst, wenn er Gott mit eigenen Augen sehe). Vielmehr kündet die „Glagolitische Messe“ von Janáčeks archaischer, pantheistisch-naturhafter Religiosität, die, wie der altslawische (in glagolitischer Schrift aufgezeichnete) Text bezeugt, mit einer patriotischen Gesinnung einhergeht. Natürlich müssen Interpreten nicht unbedingt Tschechen oder gar Experten für altslawische Liturgie sein, um nachzuvollziehen, wie sehr deren feierliche Prozessionen und Anrufungen Janáček in seiner sprachmelodisch konzipierten Musik inspiriert haben; dennoch ist es wohl kein Zufall, dass Rafael Kubeliks BR- und Charles Mackerras‘ Prager Einspielungen zu den gelungensten gehören. Antoni Wit kann sich mit seinen Warschauer Kräften durchaus hier einreihen. Allerdings: Wo der Böhme Kubelik und der (künstlerische) Wahltscheche Mackerras das Exaltierte, Abrupte und, wenn man so will, Manisch-Bedrohliche hervorkehren, setzt Wit eher auf das Erhabene, Hymnische des Janáček‘schen „Domes“. Dabei stehen ihm neben einem hochmotivierten, homogenen Chor vorzügliche Solisten zur Seite mit einem fulminant auftrumpfenden, im slawischen Idiom offenbar bestens beheimateten Tenor Timothy Bentch an der Spitze. Auch in der berühmten, tonsprachlich eng verwandten „Sinfonietta“ geht Wit nicht ganz so scharfkantig und „fiebrig“ zu Werk wie jene großen Janáček-Experten. Die Blu-ray-Audio-Technik der Naxos-Platte schließlich überzeugt nicht nur in den machtvollen Orgel-Beiträgen der Messe.

Christoph Braun, 28.01.2012



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