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Claude Debussy

Préludes pour piano

Evgeny Koroliov

Tacet/Gebardt Tac 131
(86 Min., 5/2003, 10/2003)

Erinnern wir uns. Erinnern wir uns an jene ingeniöse Aufnahme mit drei Prokofjew-Sonaten, die Evgeni Koroliov im vergangenen Jahr vorlegte. Mit nachgerade markerschütternder Präzision, schier unkorrumpierbarer anschlagstechnischer Brillanz und klanglicher und vor allem formalgestalterischer Souveränität hatte der Russe den unverwechselbaren (und nicht eben leicht hinzunehmenden) Charakter der Stücke (es handelte sich um die Sonaten Nr. 2, 4 und 7) enthüllt - mit allem Recht der Welt, schließlich war der Prokofjew des Klaviers nicht eben ein Salongalan und schon gar kein Verfechter verschmust-anschmiegsamer Klangbilder. Aber ist Claude Debussy, was noch heute viele Liebhaber glauben, ein solcher narkotisierender Narziss? Geht es ihm um den Zauber, welcher zwischen den Tönen schwebt? Ist, mit einem Wort, das aus einer gleichsam romantisierenden Weltvorstellung entliehene Ideal des Impressionismus´ im Kasus Debussy eines, das Berechtigung erführe?
Die Antwort von Evgeni Koroliov ist, jedenfalls was die "Préludes" angeht, ein entschieden-eindeutiges Nein; seine Botschaft an die Hörer wird durch die Art, wie er die Stücke durchmisst, klar formuliert: Hinfort mit all den Parfümwolken, welche die Ästhetizisten über Debussys "Préludes" haben verdampfen lassen!. Hinfort mit jeglicher arabesker Anmut! Lasset den Notentext sprechen in allergrößter Deutlichkeit und Transparenz! Mit solcherlei Rigorismus beschreitet der Russe - wohlwissend, wie man annehmen darf - einen nicht ungefährlichen Pfad. Seinem Debussy fehlt bei aller Sorgfalt, mit der jedes Detail ausformuliert ist, mit der die Klänge "sortiert" sind, eben jenes Phantasmagorische, Fata-Morgana-Gleiche, das man selbst als Anti-Impressionist in vielen "Préludes" erkunden, hinaushören kann. Man vermisst diesen seltsam flirrenden Glanz, der über (und in) den Stücken liegt. Und so ungerecht das klingen mag: Es entbehrt diese pianistisch feine Leistung Koroliovs die metaphysische Magie eines Arturo Benedetti Michelangeli. Der Luftgeist, der über allem schwebt. Wer den Göttlichen einmal mit Debussy gehört hat, kann Koroliov, dem Struktur-Analysten, nur noch ein Kompliment aussprechen. Mehr jedoch wohl kaum.

Jürgen Otten, 12.03.2005



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