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Georg Friedrich Händel

Die acht großen Suiten (1720)

Lisa Smirnova

ECM/Universal 476 4107
(110 Min., 2007-2009) 2 CDs

So rigoros Gustav Leonhardt, der kürzlich verstorbene Doyen der historischen – in seinem Fall könnte man auch sagen: der asketischen – Aufführungspraxis, jede Vergegenwärtigung barocker Cembalomusik auf einem Steinway-Flügel ablehnte, bei Lisa Smirnovas Händel-Exegese wäre er vermutlich doch ins Grübeln gekommen. Denn die Akribie und Stilsicherheit, mit der sich die seit 20 Jahren in Österreich lebende Moskauerin den acht großen, 1720 im Selbstverlag gedruckten Suiten widmet, führt jeden streng historisierenden Absolutheitsanspruch ad absurdum.
Das Pro-Cembalo-Argument der klareren Tongebung und der subtileren Verzierungsmöglichkeiten muss vor Smirnovas perlendem Portato-Spiel und ihrer begnadet filigranen Ornamentkunst verstummen – in ihren „Ausschmückungen“ übertrifft sie gar noch Svjatoslav Richters oder Murray Perahias Händel-Intimitäten. Und wer meint, auf dem Cembalo ließe sich das polyphone Stimmgeflecht luzider „aufdröseln“, der hat Smirnovas Fugen noch nicht gehört: Da tritt nicht einfach die themaführende Stimme gegenüber den anderen dezent hervor, mit unentwegten dynamischen Modulationen werden überdies die Stimmen (wie in der Fuge der zweiten Suite) zu einer hinreißenden Screwball-Komödie dialogisiert. In den Arpeggien der f-Moll-Suite wiederum könnte man die Rubrik: „Romantik!“ diagnostizieren, doch wie streng dosiert Smirnova in den samtig-weichen Akkordbrechungen den Steinway zum Singen bringt, das hat nichts mit tiefschürfend-uferlosem Romantizismus zu tun. Zumal ihr nie, auch nicht in der fast zehnminütigen Lento-Air der dritten Suite, der Erzählfaden verloren geht.
Überhaupt scheint hier – noch jenseits ihres exquisiten Klangsinns und ihrer phänomenalen Anschlagskultur, die es ihr erlaubt, zwischen Staccato und Legatissimo feinste Zwischenstufen zu zeichnen – ihre eigentliche Kunst zu liegen: Ihr übergreifendes Gestaltungsvermögen verleiht nicht nur jeder Suite trotz der standardisierten, in ihrer Abfolge jedoch wechselnden Tänze ihren eigenen Charakter. Auch jedem Einzelsatz wird eine natürlich scheinende Verlaufsform zuteil, der man von der ersten bis zur letzten Note gebannt folgt. Händels Suiten: kleine pädagogische Clavier-„Lessons“ und gefällige Gelegenheitskompositionen, als solche keinesfalls mit dem Bachschen Kosmos zu vergleichen? Wer nach Lisa Smirnova noch immer derart vorurteilsvoll denkt, der ist taub für eine Sternstunde der Klavierkunst, nicht nur barocker Provenienz.

Christoph Braun, 18.02.2012



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