Wer sich derart fantasievoll und wirklichkeitsnah in einen Sechsjährigen einfühlen kann - in einen der 20er Jahre, der noch nicht vor Glotze und Gameboy versauerte, sondern sich allen möglichen Realien seiner Umgebung, angefangen von Möbeln über Tapetenmuster bis zu Haus- und Gartengetier zuwendet, und zwar auf ziemlich boshafte Art -, der muss entweder selber Kindskopf geblieben oder zumindest ein großer Kinderfreund gewesen sein. Wie Maurice Ravel. Kreativ wie kein Zweiter setzte sich der klein gewachsene Dandy mit der kindlich phantastischen Empfindungs- und Erfindungswelt auseinander (und hielt sich bei Einladungen lieber bei den Kleinen als bei deren Gastgeber-Eltern auf). Nicht wenigen gilt seine 1925 in Monte Carlo uraufgeführte, nach einem Libretto Colettes konzipierte Miniatur-Oper „L‘enfant et les sortilèges“ als eine seiner bedeutendsten Schöpfungen. Wobei keinesfalls eine „kindliche“, einfach gestrickte Musik bei diesen „Zaubereien“ zu hören ist, wenn sich jene Realien auf gespenstische Art an ihrem Peiniger rächen (natürlich mit happy end). Das bewies schon das wütende konservative Publikum der Pariser Erstaufführung. Aber auch die vokale und instrumentale Riesenbesetzung und nicht zuletzt die kondensierte Musiksprache zeigen den Komponisten von seiner anspruchsvollsten Seite. Und von seiner lebhaftesten, witzigsten. Das jedenfalls vermittelt Rattles Berliner Aufnahme, die Ravels am Musical, der „amerikanischen Operette“ orientierten Einfallsreichtum dieser „Fantaisie lyrique“ kurzweiligst zum Leben erweckt. Auf allen Positionen gücklich, bei Jean-Paul Fouchécourt gar in filmreifer Travestie-Qualität mustergültig besetzt (allenfalls Magdalena Kozenas Knaben hätte man etwas weniger sonore Mezzo-Rundungen, dafür mehr Frechheit gewünscht), beweist Rattle hier eine leichte, spielerische und doch höchst detailverliebte Hand. Solche im besten Sinne „französische“ Qualitäten lässt er auch den Schätzen der Spielzeugkiste der (orchestrierten) „Mutter Gans“ angedeihen.

Christoph Braun, 11.03.2009



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