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Louis Andriessen

Anaïs Nin, De Staat

Christina Zavalloni, David Atheron, London Sinfonietta, Synergy Vocals

Signum Classics/Note 1 SIGCD 273
(75 Min., 4/2011)

Zwei Kompositionen, zwei Welten: Auf der einen Seite ist da Andriessens „De Staat“ von 1976 ‒ eine Ikone der Minimal Music, die mit manischen Wiederholungen und schillernden doppelchörigen Effekten sinnliche Funken aus der dogmatischen Strenge von Form und Material schlägt. Und zum anderen ist da „Anaïs Nin“, ein szenisches Monodrama über eine Inzestbeziehung, das Andriessen jüngst der Sängerdarstellerin Christina Zavalloni auf den Leib schrieb. Textvorlage der neuen Komposition sind Ausschnitte aus den Tagebüchern der Schriftstellerin Anaïs Nin, in denen sie nicht nur ihre Beziehungen zu Antonin Artaud und Henry Miller, sondern auch zu ihrem Vater beschreibt. Es gelingt Andriessen schon in den ersten Takten, mit einem eigenen Mix aus Anklängen an Strawinsky, Eisler und Bigbandsounds die Atmosphäre der 30er Jahre zu evozieren, ohne in platte Nachahmung zu verfallen. Zavalloni, die mit einer vom Jazz geschulten, klaren, schlanken Stimme spricht und singt, legt schöne kammermusikalische Flirts mit den farbenreichen Blasinstrumenten hin. Den markanten Rhythmen und pointilistischen Explosionen seines Ensemblesatzes hat der Komponist auf der vokalen Ebene jedoch wenig Idiomatisches entgegenzusetzen – und auch seine Haltung zur Textvorlage will nicht recht klar werden. So bleibt „De Staat“ letztlich die beeindruckendere Komposition – auch deswegen, weil skandierte Rhythmen einfach viel besser zu den Zitaten aus Platons Werk passen. Die Musiker der London Sinfonietta lassen beiden Werke mit ihrem warmen Ton und ihrem transparenten, präzisen Spiel Gerechtigkeit widerfahren, auch wenn sie in „De Staat“ nicht ganz den Biss und Fokus der Referenzeinspielung mit Reinbert de Leeuw und seinem Schönberg Ensemble erreichen.

Carsten Niemann, 31.03.2012



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