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Franz Schubert, Robert Schumann, Charles Ives, Manfred Trojahn u.a.

Goethe-Lieder ‒ Das Ewig-Weibliche

Marlis Petersen, Jendrik Springer

harmonia mundi HMC 902094
(59 Min., 10/2010)

Ganz abgeneigt war Goethe der Musik ja nicht: Die Zauberflöte zum Beispiel fand er dermaßen reizvoll, dass er den Entschluss fasste, sich an den Schreibtisch zu setzen und das Libretto für eine Fortsetzung zu verfassen: „Der Zauberflöte zweyter Theil“ hieß das Werk, das jedoch keinen Komponisten vollends zu begeistern vermochte und schließlich in der Schublade verschwand. Was die Vertonung von Goethes Gedichten betrifft, hat sich die Musikgeschichte gnädiger gezeigt: Die Liste ist lang und umfasst nicht nur Genregrößen wie Franz Schubert, sondern auch jene Monumentalisten wie Richard Wagner und Walter Braunfels. Goethe wiederum pflegte zeitlebens eine profunde Skepsis gegenüber den Versuchen, seine Lyrik mit Musik zu verschmelzen – auch deshalb, weil er seine Poesie als autonome, für sich stehende Kategorie begriff. In der Skepsis verbarg sich auch die Furcht vor dem Affekt.
Diesen Vorwurf kann man Marlis Petersen wahrlich nicht machen: Die Sopranistin beschäftigt sich auf ihrer neuen CD „Goethe-Lieder“ mit jenen Vertonungen, in denen das Weibliche im Zentrum steht, wobei sie stets die Waage hält zwischen Sentimentalität und emotionaler Distanz. Das besondere ist, dass die Sängerin in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Jendrik Springer nicht nur die allzu bekannten Lieder von Franz Schubert und Hugo Wolf interpretiert, sondern auch jene Kompositionen, die bis heute ein Schattendasein fristen. Den Auftakt macht etwa eine ungewöhnlich gefühlvolle, nahezu romantisch timbrierte Vertonung des Stella-Monologs von Ernst Krenek. Marlis Petersen durchschreitet die unterschiedlichen Ebenen mit klarem Interpretationswillen. Sie nutzt die Stimmungswechsel, um die eruptiven Gefühlsausbrüche in einer schier endlosen Koloraturenvielfalt aufzufangen. „Da solltest Du, Verwesung, wie ein liebes Kind, diese überfüllte, drängende Brust aussagen und mein ganzes Dasein in einen freundlichen Traum auflösen ...“ Besonders Schumanns Vertonung des Gedichts „So lasst mich scheinen“ gerät dermaßen ausgewogen und stilsicher, dass man sich vom Strudel der Todesfantasien geradezu mitgerissen fühlt. Eine Offenbarung.

Tomasz Kurianowicz, 07.04.2012



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