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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten Nr. 30-32

Antti Siirala

CAvi/harmonia mundi CAVI 8553227
(66 Min., 6/2011)

In dieser verblüffenden Text-Bestandsaufnahme kommt der Notenleser kaum noch hinterher. Bei Antti Siirala wird noch das mikroskopischste Detail der Notation bedacht, gewogen, mit Sinn in den Entwicklungsfluss integriert und mit schön gerundetem, kontrolliertem Ton zum Klingen gebracht. Aber die Summe dieser geradezu unerhörten philologischen Korrektheit fällt einigermaßen bescheiden aus. Denn eine in der späten Sonatentrias nicht gerade seltene Anweisung setzt er nicht um, es ist das espressivo. Es fällt schwer, etwas in der Haltung und Verwirklichung derart Tugendhaftes wie diese pianistische Feinmalerei zu kritisieren, aber wer ein wirklich erhabenes Exempel der vornehmsten Art der Langweile hören will, der gehe in die Kopfsatzdurchführung des Opus 110.
Exemplarisch ist der fast schon skurrile Grad der Detail-Ausformulierung. Nur scheint sich diese Haltung derart in den Moment zu vergraben, dass die Musik ihr Ziel völlig zu vergessen scheint. Kommt das Thema, nun von den 32teln berauschend umrankt, wieder – der Repriseneintritt –, scheint der am Kleinsten Tüftelnde diesen Moment in seiner Herrlichkeit kaum zu bemerken, so wie vielleicht ein Forscher vor seinem Mikroskop das Schauspiel des Sonnenaufgangs vor dem Fenster nicht sieht – er denkt und fühlt in anderen Größenordnungen. Wie zu erwarten berührt ihn auch die spirituelle Dimension der Passionsmusik des Adagio wenig. Dafür hört man zum Beispiel mit verblüffender Deutlichkeit, dass die Stimmeneinsätze der Fuge abwechselnd nonlegato und legato notiert sind. Wahrscheinlich spielen das viele durchaus bewusst, aber in Siiralas Temperaments-Mittellage wird‘s auf einmal zum Ereignis. Aber ist es eins?
Den ganzen Preis seiner bis ins Äußerste getriebenen Sorgfalt zahlt der Finne im Opus 111. In der Arietta hat er sich in ein Gefängnis gespielt, in dem er ungerührt seiner geradezu schaurigen Addition der Partiturpartikel nachgeht. Es ist wiederum alles da, aber die transzendente Dimension, die man diesem Satz dann doch nicht absprechen sollte, bleibt unerschlossen.
Ich stehe vor einem Paradoxon: Letztlich ist diese Aufnahme gescheitert und von lähmender Langeweile – und doch ist sie beeindruckend. Wie Hj Lims (auch noch von der Kritik akklamierten!) stümperhafte Sudeleien beweisen, ist es hoffähig geworden, den Notentext zu ramponieren. Siiralas uneitle, tiefe Verbeugung vor Beethovens Denkmal scheint da geradezu aus der Zeit zu fallen. Wie gesagt, der Preis, den der Pianist dafür zahlt, ist allzu hoch. Aber da ist in seiner Entwicklung das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Matthias Kornemann, 14.04.2012



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