Der 300. Geburtstag Friedrichs des Großen hat nicht nur für frischen Nachschub an Gipsbüsten für die Souvenirläden gesorgt, sondern auch eine ganze Reihe von Musikern zu Jubiläums-CDs inspiriert. So sehr sich das Thema bei einem König aufdrängt, der komponierte und mehr als wacker die Flöte blies, so schwierig ist es zu bewältigen – so manches auf Vinyl oder Metall gepresste „Flötenkonzert in Sanssouci“ teilt seine ästhetische Fragwürdigkeit jedenfalls mit dem gipsernen Preußenkitsch. Denn die Musik, die Friedrich spielte und hörte, ist nichts für Preußenverehrer alter Schule: Statt großer Namen gibt es in Friedrichs Hofkapelle jede Menge scheinbarer Kleinmeister zu entdecken, die Musik folgt einer Testosteron-armen Ästhetik, die auf Rührung und Empfindsamkeit setzt, und ohne die Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis kaum zu bewältigen ist. Doch wie ist die Ausbeute?
Der Gewinner im Feld Marketing ist sicher Emmanuel Pahud. Sein Album „The Flute King“ besticht dabei nicht nur durch ein selbstironisch-poppiges Cover, sondern punktet auch mit einem aufwändig gestalteten Beiheft. Vor allem aber überzeugt es durch Entdeckerfreude, denn neben einer repräsentativen Auswahl von Flötenkonzerten von Friedrich und Consorten sind auch wertvolle Kammermusikentdeckungen wie eine Sonate von Friedrichs Schwester Anna Amalia zu hören. Allerdings bleibt der vielseitige Entdecker Pahud ein Tourist im Lande der Alten Musik, der sich die Werke mit seinem makellosen Ton und klassisch-romantisch geschultem Stilempfinden zwar überzeugend aneignet, aber ihre Feinnervigkeit und Farbigkeit mit seinem modernen Instrument weder im vollen Umfang ausloten kann noch will.
Daniel Hopes Friedrich-Hommage, die wie der Beitrag Pahuds die Triosonate aus Bachs musikalischem Opfer und eines von Quantz‘ Flötenkonzerten enthält, ist auch Dank der Experten vom Orchester l'arte del mondo deutlich stilsicherer. Daniel Hope und die Flötistin Daniela Koch finden zu einem leichteren Ton von berückender Schönheit, auch wenn die schnellen Sätze manchmal einen Hauch gehetzt wirken.
Wirklich neue Einblicke in die Empfindungswelt zu Sanssouci liefert jedoch nur die Akademie für Alte Musik Berlin. Es ist vor allem der Mut zu Farbe und Zwischentönen, durch den sich ihr Beitrag auszeichnet – und das betrifft sowohl die Klangfarben als auch das Repertoire. Jedes einzelne Stück bietet kleine Aha-Erlebnisse: Friedrichs routinierter Flötenlehrer Quantz wird hier vor die Tür gesetzt. Dafür gibt es ein verschattetes c-Moll-Konzert von des Königs wenig bekanntem Cembalisten Christoph Nichelmann zu entdecken, dessen sanfte Emotionalität auf dem als Soloinstrument verwendeten Silbermann-Hammerflügel besonders nuanciert zum Ausdruck kommt. Friedrichs Konzertmeister Johann Gottlieb Graun balanciert in seiner a-Moll-Ouvertüre und seinem Gambenkonzert zwischen hochbarockem und galantem Idiom und anders als in manchen live-Aufführungen weiß die Akademie ihr Feuer so zu zügeln, dass weder Kontrapunkt noch die beseelte Seufzermotivik unter dem Drive leiden. Ein feinsinniges Kabinettstückchen liefert schließlich Christoph Huntgeburth mit Friedrichs Flötensonate ab, wobei das einleitende Rezitativ beweist, dass der König kein kompositorischer Gipskopf, sondern zu manch formalen Überraschungen in der Lage war.

Carsten Niemann, 21.04.2012



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