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Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Strauß sen., Joseph Lanner

Walzer Revolution (Kontretänze, Deutsche Tänze, Walzer und Polkas)

Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Sony 88697 914112
(100 Min., 2011) 2 CDs

Braucht man noch eine neue Walzer-Platte? Wenn überhaupt, dann wohl diese. Nicht, weil ihr ominöser Titel „Walzer-Revolution“ lautet. Sondern weil Nikolaus Harnoncourt für sie verantwortlich zeichnet. Natürlich ist es nicht die erste Walzer-Platte des Pioniers der historischen Aufführungspraxis. Der in Berlin geborene, in Graz aufgewachsene Quer- und Freidenker besitzt spätestens seit 2001 und 2003, als er von den Wiener Philharmonikern zum Dirigenten ihrer Neujahrskonzerte gekürt wurde, die höchsten Walzer-Weihen. Bereits in den Achtzigern versuchte er dem Concertgebouworkest, später auch den Berliner Philharmonikern, zu vermitteln, dass die allbekannten Hinterlassenschaften der Strauß-Dynastie weit mehr sind als zuckersüße Schmankerl für sonntägliche Kaffeekränzchen. Harnoncourt verstand die Walzerseligkeiten vielmehr als blutvolle, mal deftig zupackende, mal psychologisch hintersinnige Zeugnisse einer zweifelsfrei vollgültigen, sorgfältigst einzustudierenden Kunstmusik-Gattung.
Das unterstreicht er auch mit seiner jüngsten Tanz-Hommage – auf originelle, historisch fundierte Weise. Sein altgedienter, keineswegs müder Concentus Musicus bietet mit zehn verschiedenen Trompeten- und fünf unterschiedlichen Klarinetten-Typen sowie Ophikleiden (neben Streichern und Schlagwerk) eine wahre Villa Kunterbunt an Klangfarben, wie sie den Wiener Tanzkapellen des beginnenden 19. Jahrhunderts eigen waren. Mit dieser steckt der „Originalklang“-Tüftler auch den zeitlichen bzw. personellen Rahmen seiner „Walzer-Revolution“ ab: Neben drei Kontretänzen und sechs „Deutschen“ von Mozart – den gattungsgeschichtlichen Vorläufern des dreitaktigen Zaubertanzes – sind fünf Strauß-Senior- und neun Lanner-Kostproben zu goutieren. Die allbekannten Strauß-Junior-Hits bleiben außen vor: Statt Kaiserwalzers und blauer Donau gibt es Raritäten à la „Kettenbrücke“- und „Paganini-Walzer“ oder Lannersche „Malapou“- und „Cerrito“-Polka. Das mag zunächst enttäuschen. Doch wer vernimmt, wie sich Harnoncourt beispielsweise in die (ironischen?) schwermütigen Kettenwalzer-Halbtonreibungen hinein versenkt, wie sorgfältig er das Schlagwerk der Urfasssung des Radetzky-Marsches einsetzt, der wird verstehen, warum die Platte – auch Harnoncourts eigener Ansicht zufolge (wie im letzten Rondo-Heft nachzulesen) – besser „Tanz-Frenesie“ heißen sollte: So beredt legt sie Zeugnis ab von jenem Tanz-Taumel, der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Wien geradezu zum „Durchdrehen“ brachte. Ob man in diesem historischen Kontext des nachrevolutionären, konservativ-restaurativen Biedermeier ausgerechnet von (bürgerlicher) „Walzer-Revolution“ sprechen sollte, sei dahingestellt. Den tanzseligen Hörer wird das nicht weiter kümmern, zumal, wie gesagt, Harnoncourt nicht nur „historisch korrekt“, sondern auch mit reichlich Herzblut aufspielen lässt. Und im „Malapou“-Galopp die Concentus-Musiker sogar mit Gesangs- und Pfeifeinlagen aufwarten.

Christoph Braun, 26.05.2012



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