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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten Vol. 1

Jean-Efflam Bavouzet

Chandos/Note1 CHAN10720
(214 Min., 10/2008, 9/2010, 12/2011) 3 CDs

Beethoven-Zyklen scheinen dieser Tage en vogue zu sein bei französischen Pianisten. Kurz nach François-Frédéric Guys live-Dokumenten erscheint nun auch eine erste Lieferung mit dem 1960 geborenen Jean-Efflam Bavouzet. Der Gegensatz zu ersterem könnte größer kaum sein. Schwankte Guy zwischen Episoden überraschender Ausdruckskraft und ziellosem Leerlauf, begegnet man bei Bavouzet einem mild-empfindsamen Klassizismus, aus dessen modestem Rahmen nichts beunruhigend Expressives herausragt. Darinnen ist der Notentext in bescheiden-lässiger Akkuratesse abgebildet. Wie ein Gast aus ferner Zeit stellt sich der Geist der französischen Schule noch einmal ein. Aber er spricht mit gedämpfter Stimme.
Die A-Dur-Sonate aus dem Opus 2 etwa glänzt nicht als gallisches Musterstück des jeu perlé wie einst bei Casadesus oder Heidsieck. So makellos laufen die Finger nicht (vielleicht fehlt nach der überstandenen fokalen Dystonie hier doch ein winziges Quantum an Kontrolle). Es ist der Charme der kleinen Dinge, die aus der behaglich gepflegten Mitte herauswachsen. Aus der kurzen Verzögerung, die im Finale-Thema vor der halben Note steht, auf die das raketenhaft hochschießende Thema zurückfällt, wird ein bezaubernd subtiles Variantenspiel. Sie ist wirklich immer ein bisschen anders. Feiner kann man Beethovens Humor nicht fassen.
So schön solche geistreichen Reflexe auf dem akademischen Tableau auch sind, verraten sie eine ausgreifendere interpretatorische Richtung? Das jähzornige, polternd-humorvolle oder motorisch entfesselte Wesen des jungen Beethoven ist in diesen zehn Sonatenbildern einer lateinischen Mäßigung unterworfen, die manchmal fragwürdig wirkt, etwa im Largo e mesto aus op. 10/III – gemildert sind die ffp-Schläge, das Anbranden der 64tel-Wogen ist geglättet – wird hier nicht eine finster-verzweifelte, unerhörte Nachtmusik zum überschatteten Nocturne domestiziert? Aber nähertretend nimmt man etwas anderes wahr, eine eindringliche Formulierung des rezitativischen Materials dieses Satzes. Sein dürrer Schluss gleicht bei Bavouzet nicht den ausgebrannten Schlacken, die viele Interpreten als „Ergebnis“ dieses dunklen Dramas vorweisen, sondern einem verzweifelt dringlichen Gesang.
Pathos wird in kleine, aufgeladene Gesten umformuliert oder staut sich in wenigen, überaus eindrucksvollen Takten wie den seltsam körperlosen Adagio-Arpeggien, die kurz vor Schluss den „Kampfplatz“ des Presto-Finales der kleinen c-Moll-Sonate verhüllen. Auch der erste Satz der Pathétique kommt ohne dröhnende Gravitas und kraftvoll pulsierende Motorik aus. Der zweimal wiederkehrende Grave-Einwurf ist bei Bavouzet keine pompös unterbrechende Theatergeste, sondern ein sich unheimlich weitender Teil, der die Allegro-Energien regelrecht einsaugt. Das ist dann doch mehr als geistreiche Pointenkunst. Die Balance zwischen klassischer Proportion und zart-hintergründigem Detail ist perfekt – bei Guy war sie das nicht. Ob auch eine „Appassionata“ diese maßvoll-distanzierte Kunst trägt, bleibt abzuwarten.

Matthias Kornemann, 02.06.2012



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