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Joseph Haydn

Die Jahreszeiten

Agnes Giebel, Fritz Wunderlich, Kieth Engen, Hans Müller-Kray, Orchester des SWR, Chor des SWR, Chor des hr

Hänssler/Naxos 93.714
(129 Min., 5/1959) 2 CDs

So geht es also auch. Vor drei Jahren veröffentlichte die Deutsche Grammophon ein Verdi-Requiem aus dem Jahr 1960 mit Fritz Wunderlich. Das Cover bildete nichts ab als dessen Konterfei, der Dirigent Hans Müller-Kray blieb fast unerwähnt. Nun bringt hänssler Classics Haydns „Jahreszeiten“, ebenfalls mit Müller-Kray und Wunderlich, auf den Markt. Hier, in der Schwetzinger Aufnahme von 1959, geht alles seinen ordentlich-schwäbischen Gang: Der hager-stolze Chef der Aufführung, der ab 1948 zwanzig Jahre lang den Südfunk auf klassischem Sektor mitgestaltete, steht im Mittelpunkt; und im Booklet liest man bescheiden, dass die Gesangs-Solisten eine „besondere Attraktivität“ besaßen.
In der Tat: Fritz Wunderlich verkörperte – nichts Anderes erwartet man – den „jungen Bauer“ Lukas mit einem derart strahlend-unbekümmerten, „natürlichen“ Timbre, dass man sich die Rolle gar nicht anders denken mag (es ist sein einziger auf Platte dokumentierter Lukas). Auch Agnes Giebel und Kieth Engen, damals nicht minder namhafte, vor allem als Bach-Interpreten gefeierte Zeitgenossen, hauchen ihren Partien reichlich Leben ein. Allerdings wünscht man – heute – ihrer schlanken Hanne bzw. deren kernig auftrumpfendem Vater Simon weniger Vibrato-Emphase und kritisiert damit zugleich jene zeittypischen Sängermanieren, mit denen man damals eine Bach-Arie ähnlich melodramatisch auflud wie eine Wagner-Partie. Analoges gilt für den Südfunkchor, der nicht nur mit den hessischen Rundfunk-Nachbarn aufgeschäumt wurde, sondern auch noch lange nicht jenes erlesene „SWR Vokalensemble“ von heute darstellte. Gleichwohl haben diese noch fern jeder historisch informierten Aufführungspraxis angesiedelten „Jahreszeiten“ ihre Meriten. Müller-Kray zeigt viel Gespür für Haydns melodischen Charme und jahreszeitliches Kolorit. Wie sich beispielsweise die gewittrigen „Sommer“-Spannungen in der „besoffenen Fuge“ (so Haydn selbst) entladen – das packt (und amüsiert) auch heute noch.
Ein Prost daher auch auf die gleichzeitig begonnene „Edition Schwetzinger SWR Festspiele“, die dem „größten Klassik-Rundfunkfestival der Welt“ gewidmet ist. Bernhard Hermann und Peter Stieber, die Verantwortlichen des 60-jährigen Festivals, dürfen das so gar nicht schwäbisch-bescheiden konstatieren. Dem festlichen Anlass entsprechend hätte man es allerdings auch ein wenig schmucker (etwa mit Textbuch) angehen lassen können.

Christoph Braun, 02.06.2012



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