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Christopher Gibbons

Motets, Anthems, Fantasias & Voluntaries

Academy of Ancient Music, Chor der Academy of Ancient Music, Richard Egarr

harmonia mundi HMU 807551
(62 Min., 11/2010) SACD

Achtung: Diese CD enthält nicht – wie ein nur flüchtiger Blick irrtümlich vermuten lassen könnte – Musik von Orlando Gibbons, jenes berühmten Zeitgenossen von William Byrd, dessen Madrigale und Anthems recht verbreitet sind. Nein: Der hier vorgestellte Christopher Gibbons (1615-1676) ist Orlandos Sohn, seinerzeit Organist an Westminster Abbey. Er ist Zeitgenosse u. a. von Matthew Locke und gehört zur Generation vor Henry Purcell (geb. 1659); sein Wirken fällt in die kunstpolitisch repressive Cromwell-Ära, in der unter puritanischem Diktat das Theater verboten war und auch die höfische Kirchenmusik beinahe komplett zum Erliegen kam. Dass wir Christopher Gibbons‘ Musik auf dieser CD hören können, ist Richard Egarr zu verdanken: Er stolperte in der Literatur über diesen Namen, forschte nach und entdeckte Stück für Stück tatsächlich das Werk eines völlig vergessenen Komponisten – auch das gibt es heutzutage noch.
Die Wiederentdeckung lohnt sich: Gibbons‘ Vokal- und Instrumentalwerke mit ihren prägnanten musikalischen Anglizismen stellen ein wichtiges Bindeglied dar zwischen der späten englischen Renaissancemusik einerseits und dem barocken Idiom eines Purcell andererseits. Und auch wer nicht stilgeschichtlich präzis, sondern nur auf der Suche nach schönen Klängen lauscht, kommt auf seine Kosten: Sowohl in den instrumentalen wie auch in den vokalen Partituren folgt eine herrliche melodische Wendung auf die andere, wimmelt es nur so von wunderbaren Mittelstimmenbewegungen, parallelen Durchgängen, reizvollen Dissonanzen – kurzum: Es ist eine wahre Freude.
Dennoch muss eine Einschränkung gemacht werden, und zwar bei der Bewertung der Interpretation: Wenn Richard Egarr für sein Herzensanliegen, Christopher Gibbons‘ Musik der Welt bekannt zu machen, so hochqualifizierte Instrumentalisten wie die Geiger Pavlo Beznosiuk oder Rodolfo Richter heranzieht – warum stellt er dann einen Chor zusammen, in dem vor allem die Frauenstimmen durch stilfremdes Vibrato eine optimale Präsentation nachhaltig behindern? In den solistischen Vokalbesetzungen, die sich ebenfalls aus dem Chor speisen, setzt sich das Problem fort. Vor dem Hintergrund der überaus reichen englischen Ensemblekultur ist das unbegreiflich: Erfahrene Spezialisten für diese Musik gäbe es auf der Insel wahrlich genug. Ganz klar: In Sachen „Choir of the AAM“ muss deutlich nachgebessert werden.

Michael Wersin, 08.09.2012



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