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Antonín Dvořák

Slawische Tänze op. 46 und 72

Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Jiří Stárek

Hänssler/Naxos 4 010276 011989
(74 Min., 2000, 2001) 1 CD

Wenn die Verleger Kompositionsgeschichte geschrieben hätten, dann gäbe es vermutlich nur Tänze und Tanzsammlungen. Brahms' und Dvoráks Exemplare wurden sofort nach Erscheinen Ohrwürmer, sie machten ihre Schöpfer populär und ihren Druckleger Simrock reich und glücklich. Mehr noch als Brahms hat Dvorák persönliche Nebenbedeutungen in das stilisierte Volkslied-Genre eingebaut. Nicht wenige Nummern der beiden achtteiligen Sammlungen sind, wie Dvorák es selbst beschrieb, mit einem "Schleier einer dichterischen Versonnenheit" versehen. Die dreiteiligen Furiants, Polkas und Dumkas erhielten so einen kunstvoll-elegischen Unterton.
Leider verwechselt Dvoráks Landsmann Jiri Stárek diese Elegie nicht selten mit Betulichkeit. Wohl beginnen seine Südwestfunk-Musiker aus der Pfalz den ersten Furiant gehörig flott, werden dann aber schon im Mittelteil von ihrem neuen Chefdirigenten in behäbige Korrektheit abgebremst. Prototypisch fehlt es der Cellokantilene an Inbrunst, überhaupt vielen Mittel- und Nebenstimmen an Präsenz gegenüber der Melodie. Wo die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk unter Kubelik oder auch die Cellisten aus Cleveland unter George Szell quasi mit einem Flammenwerfer zur Sache gehen, da flackert hier ein Flämmchen vor sich hin (dass für die Pfälzer ein solcher Vergleich nicht unstatthaft ist und sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen müssen, belegen etliche andere Aufnahmen, nicht nur solche aus dem angestammten gehobenen Unterhaltungssektor).
Prototypisch auch Stáreks Gestaltung, besser: Nicht-Gestaltung der berühmten Accelerandi - jener Beschleunigungstakte, in denen der Dirigent mit einer imaginären Peitsche den Tanz-Kreisel zur Raserei in den Schlusstaumel antreibt: hier ziehen sie oft allzu brav und ungenutzt vorüber. Schließlich die Melodie- und Hauptstimme: ermuntern Kubelik und Szell ihre Violinen auch mal zum Seufzen, zum glissando-nahen Schwelgen und ihre Oboisten und Flötisten zu einem passenden naturalistisch-direkten Timbre, da wähnt man sich hier unterm Glitzerweihnachtsbaum: So hallig und weichgezeichnet sollte kein Bauerntanz klingen, auch kein derart kunstvoll stilisierter à la Dvorák. Statt soviel Schönklang mehr kantiges Temperament: das wär's gewesen.

Christoph Braun, 07.03.2002



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