Das muss eine tolle Woche gewesen sein Ende September vergangenen Jahres, als im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln Leonardo Vincis letzte Oper "Artaserse" aufgenommen wurde – mit fünf(!) Countertenören am Start. Daniel Behle, dessen lyrischer Tenor sich gerade hörbar zu etwas dramatischeren Gefilden hin entwickelt (ohne deshalb an Beweglichkeit zu verlieren), kam sich in diesem Umfeld vermutlich zum ersten Mal in seiner Karriere wie ein Exot vor. Dabei spiegelt das genau die Verhältnisse der Uraufführung in Rom 1730 wider. Damals standen neben einem Tenor fünf Kastraten auf der Bühne des Teatro delle Dame.
Erstaunlicherweise verkörperte damals der Star in dieser Riege, der berühmte Carestini, nicht die Titelrolle, sondern den Arbace. In diese beiden Partien schlüpfen hier Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cencic, die vor genau einem Jahr mit einer hinreißenden, schlicht "Duetti" betitelten gemeinsamen CD die Barockfans in Verzückung versetzt haben. Zu ihnen gesellen sich mit Franco Fagioli, Valer Barna-Sabadus und Yuriy Mynenko drei weitere Vertreter dieses Stimmfachs, die alle ihr Mundwerk verstehen. Unglaublich, aber wahr: Nicht einer von ihnen fällt ab, man möchte keinem die Palme zuerkennen. Natürlich erweist sich Jaroussky als der Raffinierteste von ihnen, gleichzeitig ist seine Stimme aber auch die flachste. Barna-Sabadus verfügt über die 'süßeste' der fünf Stimmen, Cencic vereint diese Schönheit mit sinnlicher Rundung. Fagioli und Mynenko pflegen eine etwas druckvollere Tonproduktion, wobei sich Mynenko noch energischer und selbstbewusster zeigt. Gemeinsam ist allen die enorme technische Versiertheit und virtuose Souveränität. Liebhaber hoher und höchster Töne erwarten also gut drei Stunden vokaler Glückseligkeit, zusätzlich aufgewertet vom lustvoll aufspielenden Concerto Köln unter Diego Fasolis.

Michael Blümke, 10.11.2012



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