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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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Johann Sebastian Bach, Ferruccio Busoni, Sofia Gubaidulina, Paul Hindemith u.a.

Canto oscuro (Nun komm´ der Heiden Heiland, Chaconne, „1922“-Suite u.a.)

Anna Gourari

ECM/Universal 476 4661
(60 Min., 5/2011)

Als Paul Hindemith 1921 eine Fuge aus Bachs „Wohltemperierten Klavier“ für einen Orchester-Ragtime ausschlachtete, mutmaßte er: „Wenn Bach heute lebte, vielleicht hätte er den Shimmy erfunden oder zum mindesten in die anständige Musik aufgenommen.“ Natürlich war das mal wieder so eine Provokation des damaligen Bürgerschrecks. Denn selbst Hindemiths Shimmy, den er ein Jahr später in seine fünfsätzige Suite „1922“ einpflanzte, kommt nicht etwa als trivialmusikalisches Bekenntnis daher. Vielmehr werden die kecken Rhythmen schnell mit einem geradezu Skrjabin´schen Fin-de-siècle-Impetus entmaterialisiert. Auch wenn Bach da meilenweit weg erscheint, so hat diese Suite dennoch zu Recht ihren Platz in dem Recital von Anna Gourari gefunden. Denn wenngleich gerade die beiden Werke des 20. Jahrhunderts sich vom Bach-Zentrum dieser Einspielung ziemlich weit entfernt zu haben scheinen, so erweist sich das Programm als ein in sich geschlossener Organismus.
Das wird nicht nur in der Gegenüberstellung von Bachs „Chaconne“ mit der gleichermaßen klangmächtigen, in ihrem zweifelnden Grundton kurz vor der Explosion stehenden „Chaconne“ (1962) der Russin Sofia Gubaidulina deutlich. Selbst das „Nachtstück“ aus der Hindemith-Suite besitzt jene verinnerlichte Ernsthaftigkeit, wie sie in den Bach-Choral-Bearbeitungen von Busoni (u.a. „Ich ruf´ zu Dir, Herr Jeus Christ“) weihevoll dahinströmt. Die mit „Canto oscuro“ betitelte Einspielung von Gourari ist jedoch kein streng kalkulierter Brückenschlag von Bach in die Zukunft. Gouraris nachdenkliches, ohne falsches Pathos auskommendes Spiel erweist sich vielmehr als Vergewisserung, dass sich mit und nach Bach immer noch wesentliche Fragen stellen lassen. Und wenn sie zwischendurch dann noch so erlesen klingen, setzt man sich mit ihnen umso lieber auseinander.

Guido Fischer, 24.11.2012



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