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Frédéric Chopin

Etüden op. 25, Nocturnes, Walzer etc.

Lang Lang

Sony classical 88725449602
(73 Min., 6/2012) + Bonus-DVD

Lang Lang hat den Casting-Sternchen, die ihn umflimmern, immerhin etwas voraus. Eine ursprüngliche Begabung wird man ihm kaum absprechen, mag der abgeschmackte Kommerzzirkus, der sie einhüllt, auch von einer kompletten Irreleitung dieses Naturtalentes zeugen. Letzerer ist auch für eine kollektive Wahrnehmungsstörung verantwortlich: So unerträglich exzentrisch, wie es aussieht, ist das Klavierspiel des Chinesen nämlich nie gewesen. Es war bei Beethoven sogar ganz solide. Umso befremdlicher, den jüngsten Rezensionen die Beglückung zu enthören, der Dreißigjährige spiele „ohne alle Effekthascherei“. Sollen wir für diesen angeblichen Reifungsschritt dankbar sein? Verglichen mit dem unglaublichen Zirkusfuror, den ein Cziffra einst in den Etüden Chopins veranstaltete und der die Kritiker so erregte, gibt sich Lang texttreu-seriös. Seine manuellen Kapazitäten sind über weite Strecken erheblich gebremst, und gut tut ihm das wohl nicht. Reichlich schwergängig und artikulatorisch steif die Rechte in der Nr. 2 (Presto). Auch in der vierten (Agitato, a-Moll) knallt er die akzentuierten Noten unschön heraus, als wolle er zeigen, wie korrekt er liest.
An durchdachter, große Linien spannender Gestaltungsdramaturgie aber fehlt es, auch wenn manche Übergangsnuance erlesen klingt. Aber warum sie das tut, ist eine von Lang Lang selten beantwortete Frage. Vielleicht darum wirkt die plumpe Verdoppelung des Basstons am Höhepunkt der „Äolsharfen“-Etüde so abgeschmackt. Auch bei den Altvordern musste man derlei nicht mögen, aber die führten uns immerhin gespannt zu diesem Ereignis. In den Nocturnes treten die spirituellen Defizite noch stärker hervor. Geradezu unerträglich tritt im F-Dur-Nocturne (op. 15/1) Lang Langs Manier heraus, bei jedem crescendo schneller zu werden, und bei wirklich jedem decrescendo langsamer. Das ist dann auch alles, was „von innen“ kommt. Die Musik klingt erlesen, aber sie spricht nicht zu uns.
Das alles könnte einem herzlich egal sein, gäbe es nicht gelegentliche Lichtblicke wie die packend bewältigte große a-Moll-Etüde (25/11). Hätte er bloß länger unter der Knute eines richtigen Pädagogen gestanden. Wer weiß, was geworden wäre ... Aber aus der lernenden Einkehr wird wohl nichts. Lang Lang wird weiter absegeln in die Welt des nicht mehr so ganz klassischen Milieus, um in seltsamen, von Axel Brüggemann moderierten Galas die Finger flitzen zu lassen und die Art von CDs zu machen, die man an den Tankstellen kaufen kann (oder demnächst vermutlich nur noch downloaden). Immerhin eins belegt diese CD aber – noch immer würde sich ein Sabbatical lohnen.

Matthias Kornemann, 08.12.2012



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