So ist das mit Erwartungen: Sie können enttäuscht werden. Im Oktober 2010 bot Kristine Opolais in der Titelrolle von Dvořáks "Rusalka" am Münchner Nationaltheater eine Leistung, für die jeder Superlativ zu kurz greift. 'Um ihr Leben gesungen' trifft es wohl am besten. Ein gutes halbes Jahr danach entstand in Köln die erste CD-Aufnahme der jungen Lettin. Auf Puccinis "Suor Angelica" fiel die Wahl. Keine schlechte, wie man im ersten Moment denkt. Und prompt die Erwartungen wachsen spürt – die jetzt von der fertigen Einspielung enttäuscht werden, oder zumindest deutlich zu Recht gestutzt.
Der erste – und schwerwiegendste – Einwand: Diese Angelica rührt nicht an, man leidet nicht mit. Obwohl es durchaus überzeugende Facetten zu bewundern gibt. Die Arie "Senza mamma" beispielsweise beginnt die 33-Jährige nach innen gerichtet, ohne große vokale Gesten, wie eine Art Selbstgespräch. Dadurch bildet sie einen geschickten Kontrast zu den darauffolgenden Steigerungen des Finales. In den dort geforderten Forte-Höhen aber nimmt ihr Sopran – wie zuvor schon stellenweise im Duett mit der Fürstin – eine unschöne Färbung an, wird unruhig, der Kraftaufwand ist nicht zu überhören. Lioba Braun will der herzlosen Fürstin mit weicher Phrasierung unsinnigerweise 'menschlichere' Züge verleihen, ihrer eher betulich wirkenden Stimme fehlt zudem das nötige Alt-Fundament. Höchst erfreulich ist hingegen die delikate musikalische Leitung von Andris Nelsons, aber der kann die Enttäuschung über die Frau Gemahlin nur teilweise wettmachen. Ein früherer Triumph kann sich im Nachhinein eben auch als Fluch erweisen.

Michael Blümke, 22.12.2012



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