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Franz Schubert

Sämtliche Sinfonien

Marc Minkowski, Les Musiciens du Louvre Grenoble

naïve/Indigo 972262
(244 Min., 3/2012) 4 CDs

Als vor nunmehr auch schon 15 Jahren Jos van Immerseel mit seinem belgischen Orchester Anima Eterna Brugge gleich mit allen acht Sinfonien das diskografisch ausreichend bestellte Feld betrat, ging ein Raunen durch die Schubert-Gemeinde. Die einen waren von der Radikalität begeistert, mit der Immerseel da seine gerade einmal 40 Musiker auf Instrumenten der Schubert-Zeit alle Klischees wegpusten ließ. Für die Gegenseite hatte die Musik aber dadurch endgültig vieles an Farbigkeit und geheimnisvollen Seelenbewegungen eingebüßt, auf das Jahre zuvor noch Nikolaus Harnoncourt bei seiner Gesamteinspielung Wert legte. Nun ist Immerseels weiterhin diskussionswürdiges Schubert-Paket parallel mit einer Neuaufnahme wiederveröffentlicht worden, die sich gleichermaßen dem musikhistorischen Klangbild verschrieben hat. Und obwohl der Franzose Marc Minkowski sich bekanntermaßen um keinen Deut schludriger mit dem Repertoire auch des 19. Jahrhunderts beschäftigt, ist ihm das gelungen, was man bei Immerseel speziell in den zwei letzten Sinfonien vermisst hat: Minkowski lässt selbst aus jedem noch so transparent gemachten Detail den sinfonischen Epiker, aber auch den Visionär Schubert zu uns sprechen. Da besitzen allein die monotonen Horn-Signale im F-Dur-Mittelteil des langsamen Satzes der großen C-Dur-Sinfonie erzählerische Subtilität und lassen zugleich den amerikanischen Minimalisten Morton Feldman vorausahnen. Und im herrlich modulierten und ausmusizierten „Andante con moto“ der „Unvollendeten“ ist das sehnsüchtige Klarinettenmotiv (Takt 71ff) nur scheinbar die schönste Ruhe selbst.
Auch solche Momente des Doppelbödigen und der ungeheuren Spannungen sind es, die weit über das notengetreue Nachspielen hinausweisen und den weiterhin unterschätzten Sinfoniker Schubert vollends rehabilitieren. Zumal Minkowski es bei den Konzert-Mitschnitten aus dem Wiener Konzerthaus in den frühen Schubert-Sinfonien gelingt, ihnen ihren reinen Leichtgewicht-Charakter auszutreiben. Haydn´schen Esprit offenbart er da in der 1. Sinfonie des 16-Jährigen. Im Eröffnungssatz der Dritten sorgt er für Rossini-Brio. Und in der „Tragischen“ (Nr. 4) muss sich Schubert nicht mehr vor Mozart verstecken, da Minkowskis Spezialistentruppe für die gutinformierte historische Aufführungspraxis erneut Sachlichkeit und Seele auf ideale Weise ausbalanciert. Wer Schubert ganz ohne Effekte und dennoch mitreißend bis ergreifend erleben will, der hat ab sofort zu Harnoncourt mehr als nur eine echte Alternative.

Guido Fischer, 12.01.2013



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