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Heitor Villa-Lobos

Sinfonien Nr. 6 & 7

Sinfonieorchester von São Paulo, Isaac Karabtchevsky

Naxos 8.573043
(68 Min., 2 & 3/2011)

Dass Heitor Villa-Lobos (1887-1959) sich um die Profilierung einer brasilianischen Kunstmusik in unschätzbarer Weise verdient gemacht hat, ist eine unbestreitbare Tatsache. Unabhängig davon bleibt allerdings verwunderlich, dass der Komponist stets behauptete, er habe in jungen Jahren ausgedehnte Reisen in den Norden seines Heimatlandes unternommen, um Volksliedgut zu sammeln – offenbar haben diese Reisen größtenteils gar nicht stattgefunden. Womöglich wollte er die „nationalen“ Aspekte seines Schaffens unterstreichen, indem er für sich ein ähnlich „heimatverbundenes“ Vorgehen reklamierte, wie es für viele osteuropäische Komponisten jener Zeit der „nationalen Schulen“ belegt ist.
Wie dem auch sei: Es gibt dennoch eine ebenso prägnante wie bemerkenswerte Verfahrensweise innerhalb seines kompositorischen Repertoires, für die er sich selbst mit vollen Recht ein Höchstmaß an Heimatverbundenheit bescheinigen darf: Die als „Millimeterization“ bekannt gewordene Technik beruht darauf, dass der Umriss einer Berg- oder Hügelkette von einer Fotografie auf Millimeterpapier übertragen und aus dem Höhenverlauf eine Melodie, aus den horizontalen Ausdehnungen die dazugehörigen Notenwerte abgeleitet werden. Villa-Lobos‘ sechste Sinfonie trägt, weil ihr Themenmaterial wohl komplett so entstanden ist, den Beinamen „Sobre a linha das montanhas do Brasil“. Die anschließende Harmonisierung der teils recht wüsten, aber immer sehr atmosphärischen Kantilenen erforderte dann das ganze Geschick des in der Tat begnadeten Harmonikers Villa-Lobos.
Isaac Karabtchevsky und das São Paulo Symphony Orchestra starten mit der sechsten und siebten Sinfonie des Brasilianers eine Gesamtaufnahme seines sinfonischen Werks; der Anfang ist sehr gut gelungen: Ein warmes, vielschichtig plastisches (allerdings nicht allzu obertonreiches) Klangbild bringt nicht nur die Strukturen, sondern auch die „sinnlichen“ Qualitäten dieser für unsere Ohren immer noch „besonderen“ Musik zur Geltung. Ein hohes Maß an Präzision, organisch ausgestaltete Steigerungspassagen, eine stets durchhörbare Leidenschaft für Villa-Lobos‘ kantige Melodik und expressive Harmonik zeichnen das Dirigat des 1934 in Brasilien geborenen Dirigenten aus – eine überzeugende Leistung, die auf weitere Folgen neugierig macht.

Michael Wersin, 12.01.2013



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