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Johann Sebastian Bach

Partiten 2 & 6

David Fray

Virgin Classics/EMI 070944 2
(66 Min., 9/2012)

Geschicktes Marketing hat es geschafft, uns einzuflüstern, jener zugleich lichte und zart verschwommene Tonfall, in dem David Fray seinen Bach kultiviert, sei eine Art Aufbegehren empfindsamer Intelligenz gegen angeblich allerorten herrschende Perkussionskunst. Aber lassen sich hier nicht seit über einem halben Jahrhundert Pianisten in den wahrlich verschiedensten Klangbildern hören? Wenn man die c-Moll-Partita von Weissenberg oder Sokolov, von Turek oder Schiff hört, hat man die Grenzen des auf dem „falschen Instrument“ Machbaren in allen Richtungen erreicht. Jedenfalls ist Fray nicht der erste, der diese Musik in elegischer Sensibilität ausformt und ihre wohlphrasierten Bögen ins milchig-pastellhafte Sfumato geschmackvollen Halbpedals taucht. Nach den unvermeidlich gravitätischen Akkorden des Beginns zieht sich der in einem kathedralgleich nachhallenden Raum aufgestellte Steinwayflügel alsbald in die Klangwelt seines matten Ahns, des Clavichords, zurück. Wie Fray in diesem herabgedämpften Feld zu soviel stimmgewichtender Deutlichkeit und Nuance gelangt, das ist schon kultiviert und schön – und doch: Wer einmal die Sarabande mit dem unbefangen romantisierenden Sokolov hört, wird kaum bestreiten können, dass da musikalisch unendlich mehr geschieht, die pianistische Formung von ganz anderem Rang ist und wir eine Sphäre jenseits des schönen Klanges betreten.
Zum Schwur kommt es aber in der nicht ohne Grund seltener gespielten sechsten Partita. Der langsame Intensivierungsprozess der in die freien Toccaten-Teile eingeschlossenen Fuge ist schon eine härtere Interpreten-Nuss. Die kulinarische Empfindsamkeit, mit der Fray den improvisatorisch anmutenden Rahmen überpudert, aber auch seltsam betulich versteift, schafft kaum den Gegenpol zum duftigen Meditationsraum, in den er diese Fuge verwandelt, die von der etwas geschmäcklerischen nonlegato-Artikulation des Themas an kaum drängende Entwicklungskräfte freisetzt. Die folgenden, rekordverdächtig langsam genommenen 61 (!) Takte schlängeln sich dann nicht enden wollend wie neobarockes art nouveau ohne Ziel.
Geradezu demonstrativ zelebriert Fray seinen Rückzug aus der lärmenden Welt in einen leisen Innerlichkeitsbezirk, in dem er über ein schon bedenklich limitiertes Repertoire nachsinnt. Die geistigen und pianistischen Mittel, in diesem Zwielicht Deutlichkeit und Verständnis zu schöpfen, sind durchaus gegeben, aber es ist ein Musizieren, das sich allzu oft in seiner Allerweltsschönheit gefällt (und auch aller Welt gefällt), selten eindringlich fragt, kaum einer expressiven Härte fähig zu sein scheint – da wird der Klavierton rasch altjüngferlich-spitz – und immer ein wenig riskant an der Grenze zur Empfindsamkeitspose entlang schrammt. Von interpretatorischer Bedeutsamkeit zu sprechen, wäre aber wohl deutlich übertrieben.

Matthias Kornemann, 09.03.2013



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