Eine Zeit lang sah es so aus, als wäre „Kennedy“, wie sich der Violinvirtuose eine Zeit lang nennen ließ, auf dem Weg zum Geigenclown, der mit seinem Image vom äußerlich ach so unkonventionellen, doch im Herzen schwiegersohnbraven Punker nur noch ein provinzielles Publikum vom Hocker reißen würde. Inzwischen heißt Kennedy wieder Nigel – und mit seinem neuen Album „Recital“ scheint er auch sonst endlich bei sich selbst angekommen zu sein. „Recital“ will eine Hommage an Vorbilder seiner Jugend sein: allen voran die Interpreten Stéphane Grappelli und Yehudin Menuhin sowie die Komponisten Fats Waller und Johann Sebastian Bach.
Vergleicht man die Sessions mit den flachen Arrangements eines David Garrett, dann wirkt der Qualitätsunterschied geradezu pyramidal. Sowohl im Spiel als im Arrangement zeichnet sich Kennedy durch den weitaus größeren Reichtum an Fantasie, Emotion und Klangfarben aus: Ohne das Instrument zu vergewaltigen, kann er seine klangschöne Guarneri genauso authentisch nach einer schreienden Elektrogitarre wie nach einer irischen Folkgeige klingen lassen. Dabei handelt es sich aber keinesfalls um aufgesetzte Effekte. Wenn er etwa David Brubecks „Take Five“ mit fernöstlichen Klängen einleitet, dann setzt er den Fünfviertaltakt auf intelligente Weise in Beziehung zu außereuropäischen Rhythmustraditionen. Auch bei seinen Improvisationen über Bach-Standards lässt er sich nie zu bloßer Happy-Music hinreißen, sondern leistet sich längere Passagen, in denen er allein mit dem Schlagzeug die perkussiven Qualitäten dieser Musik auslotet ‒ und so Kopf und Herz von Fans wie Skeptikern erreicht.

Carsten Niemann, 23.03.2013



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