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Frédéric Chopin

Préludes op. 28, Mazurken op. 30, Scherzo b-Moll op. 31

Maurizio Pollini

DG/Universal 477 9530
(60 Min., 5 & 6/2011)

Wer in den letzten Jahren Maurizio Pollini im Konzert hörte, wird bemerkt haben, dass sich da einer immer weniger um die Formulierung des Details kümmerte und mit teilweise sehr breitem Pinselstrich seine Architekturen oft mehr skizzierte als minutiös durcharbeitete. Was der 71-Jährige uninteressant oder nebensächlich findet, klingt auch so, und manche Episode geht merklich dem Zerfall entgegen.
Mit seiner bis heute völlig unterschätzten Aufnahme der Chopin-Préludes von 1975 hat Pollini eine der ewigen Referenzaufnahmen der Sammlung geschaffen. Wie wenig hat dieses vor erlesener Klangschönheit geradezu leuchtende Klavierspiel mit den abgenutzten Klischees aus dem technokratischen Feld zu tun, die an Pollini kleben seit dem Anfang seiner Karriere. Doch dieser Triumph liegt 37 Jahre zurück, und exaktes Abbilden ist auch hier einer lässigen Souveränität des Andeutens gewichen. Es ist, als blättere einer sein altes Tagebuch durch, hier und dort nachlesend oder auch einmal mit erhobener Stimme rezitierend, das Zeitverfallene und Verblasste indes etwas hastig überfliegend, um rasch die Seite umzuwenden.
Das winzige A-Dur-Prélude etwa – es entstammt einer ihm wohl entrückten Welt, er mag sie nicht noch einmal nachschaffen. Die Miniatur verschwimmt doch ziemlich im Pedal, das er überhaupt recht sorglos tritt, er überspielt auch den einen alles entscheidenden Akzent. Auch im cis-Moll-Prélude wischt er nur einmal Staub weg und blättert weiter ... In vielen der lyrischen Préludes geht er mit fast aufreizender Lässigkeit über die entscheidenden, oft berückenden Modulationen, über Höhe- und Schwerpunkte hinweg. Ein pianistisches Äquivalent für die fast manische Exaktheit, mit der Chopin seine Poesie formuliert, mag er nicht bieten. Und doch warten in diesen Skizzen größere Reichtümer als in den Fleißarbeiten zeitgenössischer Wettbewerbslangweiler.
Ich gebe zu, bei einem Meister, dessen technische Unfehlbarkeit ein untrennbarer Teil seiner künstlerischen Eindringlichkeit war, berührt der Hauch des Verfalls, den man hier nicht überhören kann. Ein Haufen falscher Noten ist stehengeblieben, Skalen werden undeutlich und verwischt (Préludes in G oder fis), und im b-Moll-Prélude scheint er mit der rechten Außenhand ein gravierendes Problem zu haben. So verlässt man diese interessante Trümmerstätte doch elegisch gestimmt. In den Mazurken op. 30 begegnet man dann einem frischeren, den Rhythmus grimmig forcierenden Künstler (sind sie vielleicht weniger abgenutzt in diesem langen Künstlerleben?), und im b-Moll-Scherzo schwingt er sich noch einmal zur Pose des Klavierlöwen auf.
Es ist eigentümlich: Mag dies alles eher wehmütige Reminiszenz und Abschied als Referenz-Gegenwart sein, kann man im Gegensatz zu den unterkühlten Nocturnes – gefallen musste einem das auch nicht – eine künstlerische ultima maniera nicht erkennen, beeindruckt doch, mit welcher Selbst- und Stilsicherheit der große alte Mime die Umrisse seiner romantischen Paraderolle noch einmal markiert.

Matthias Kornemann, 11.05.2013



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