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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten Vol. 3

François-Frédéric Guy

Zig-Zag Territoires ZZT318
(210 Min., 12/2011, 4/2012) 3 CDs, live

Die Ratlosigkeit, die die erste Folge des Beethovenzyklus von François-Frédéric Guy hinterlassen hat, verliert sich nicht beim Anhören dieser letzten Lieferung. Dass durchdacht Musiziertes so dicht neben halbfertig Hingeworfenem stehen kann, ist mit der Spontaneität eines Live-Mitschnittes weder begründet noch entschuldigt.
Der Kopfsatz der „Les adieux“-Sonate zeigt exemplarisch, wie innerhalb weniger Takte Gewicht und Kontrolle, mit der Guy die Introduktion geradezu deklamiert, in unstetes, zerfleddernd artikulierendes Drauflos-Spielen umschlagen; dass der jubelnde Oktavsprung seltsam gehemmt in den Schlick einer übergewichtigen Begleitung einsackt, ist nicht schön, und es wird im Finale mit einer wiederum allzu bombastisch agierenden Linken nicht besser.
Es drängt einen, dieses Rätsel der Unstetheit zu lösen, zumal man in den langsamen Sätzen der Sonaten op. 2 erneut ausgesprochen glücklich werden kann. Wie frei, ja fast kokett blüht das seufzende Seitenthema im großen E-Dur-Adagio der C-Dur-Sonate in solchen Momenten spontaner Musizierfreude auf. Aber sie verebbt eben auch rasch wieder, man hört es besonders deutlich im Opus 90-Finale. Gibt es etwas melodisch Dankbares zu tun, und davon ist dort die Fülle, fokussiert er, die pianistische Formulierung wird scharf und durchbildet. Doch in den etwas vage wirkenden Überleitungen verfällt er bald der Zerstreutheit.
Dieses „Aufmerksamkeitsdefizit“ nimmt im ersten Satz der Hammerklaviersonate geradezu groteske Züge an. Hallt das erste Themenfeld vor Fanfarengeschmetter und Aufbruchslust wider, glüht der Franzose vor vielversprechendem Schwung. Aber damit hat er sich wohl ausgegeben – der Fortgang der Exposition scheint für Guy nicht mehr darzustellen als eine Reihung herabrieselnder Achtelnoten. Da vermisse ich wache Vergegenwärtigung der – man verzeihe die professoral knirschende Wortwahl – prozessualen Logik Beethovens. Doch wenn diese Logik sich in der Trümmerwüste jener ungeheuerlichen Largo-Takte, in der das benommene Individuum aus der Nacht des Adagios erwacht und in allen Stilarten die Glieder reckt, improvisatorisch bemäntelt, erwacht auch Guys Musikalität. Dieses Aufsammeln der verstreuten Glieder gerät so mitreißend, weil er es als spontanen, nicht logisch gearbeiteten Schöpfungsmoment nacherlebt, und in die Fuge, diesen packenden Endkampf gegen die „schwarze Tonart“ h-Moll, stürzt er sich dann mit halsbrecherischem Mut – sie ist ihm ein grandios erzählter Überlebenskampf und glühende Gegenwart, kein kompositionstechnisch organisiertes Gebilde.
So bietet diese flackernd-unstete Werkschau eine Fülle anregend hingeworfener Momente, doch ein Künstler, dem das Architekten-Gen zu fehlen scheint, wird es nicht gelinge, ein planvoll aufgebautes Panorama der „32“ zu bieten, das in der Klasse der großen Aufnahmen bestehen könnte.

Matthias Kornemann, 01.06.2013



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