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What's Up?

Michel Camilo

Okeh/SonyMusic 88883703992
(53 Min., 2/2013)

Auch die zweite Veröffentlichung des von Sony wiederbelebten Traditionslabels OKeh zeigt einen Tastenderwisch von einer ungewohnten Seite: Nach dem Solo-Exkurs von John Medeski präsentiert sich jetzt der Latinjazz-Star Michel Camilo allein am Flügel. Für den 59-Jährigen ist es allerdings nicht das erste Mal. Bereits 2005 hatte er sich auf der Aufnahme „Solo“ als Meister der ruhigen Töne gezeigt.
Bei „What's Up“ handelt es sich nun um eine Liebeserklärung an die musikalischen Einflüsse, die das nuancierte Klavierspiel Camilos bestimmen. Und die sind durchaus vielfältig. So weist der kräftige Second-Line-Groove der linken Hand, der das bluesige Titelstück bestimmt, auf den virtuosen Stride-Verfeinerer Art Tatum hin, während die Balladen „A Place In Time“ und „Sandra's Serenade“ stark an Keith Jarretts impressionistische Gewebe erinnern.
Spannend auch, wie sich Camilo in seiner Latin-Lesart von „Take Five“ mit dezenten Clave-Verschiebungen vor Dave Brubeck verbeugt. Was zunächst leicht zickig klingt, erweist sich mehr und mehr als stimmige Neu-Interpretation. Ähnliches gilt auch für Camilos reharmonisierte und reryhthmisierte Fassungen der Standards „Alone Together“ und „Love For Sale“.
Dass sich auf der Solo-Einspielung mit „Paprika“, „On Fire“ und „Island Beat“ auch Originals befinden, die an Camilos eigene schwungvolle Klassiker „Why Not“ oder „Not Yet“ erinnern, überrascht nicht. Wohl aber der Umstand, dass es dem Pianisten aus der Dominikanischen Republik gelingt, einem in Boutiquen und Bars zu Tode gedudeltem Lied wieder Leben einzuhauchen. Wer hätte gedacht, dass man jemals wieder die „Buena Vista“-Erkennungshymne „Chan Chan“ hören könnte, ohne wahnsinnig zu werden? Großen Respekt für Camilos würdevolle, düstere Version.

Josef Engels, 01.06.2013



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