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Wolfgang Rihm

Sinfonie „Nähe Fern“

James Gaffigan, Luzerner Sinfonieorchester, Hans Christoph Begemann

harmonia mundi HMC 902153
(48 Min., 6/2012)

Wolfgang Rihms Spezialität ist nach eigener Aussage das „vegetative“ Komponieren. Ein Werk ist daher nur im allerseltensten Fall für ihn auskomponiert. Scheint ein Ende gekommen, steckt ihm bereits etwas Neues inne. Was vollendet scheint, ist zugleich doch unvollendet. Musik ist daher für Rihm ein Kontinuum, weshalb er nicht nur in seinem eigenen Schaffen einen ständigen Neuanfang sucht, sondern auch in der Musikgeschichte. Nun hat Rihm gerade aus seiner Vorliebe für die Romantik nie einen Hehl gemacht, sondern sich vielfach mit dem Erbe Schuberts, Schumanns und Brahms´ auseinandergesetzt. 2011 bekam er schließlich vom Luzerner Sinfonieorchester die Einladung, im Rahmen einer zyklischen Aufführung der vier Brahms-Sinfonien jeweils ein Orchesterstück in Form quasi eines zeitgenössischen Kommentars zu schreiben. „Nähe Fern“ nannte Rihm jedes Teilstück und erweiterte das Projekt um die Vertonung jenes Goethe-Gedichts „Dämmerung senkte sich von oben“, das beim Liedkomponisten Brahms auf fruchtbaren Boden gefallen war.
Rihms Symphonie „Nähe fern“ liegt nun als Weltersteinspielung vor. Und fast möchte man hoffen, dass das tadellos und engagiert zu Werke gehende Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan hoffentlich bald mit den vier Brahms-Originalen nachlegen wird. Denn diesmal hat Rihms vegetatives Kompositionsprinzip eine Klanglandschaft hinterlassen, auf der nur eines passiert ist: Es wuchert und wuchert post-romantisch. Erstaunlich, wie gnadenlos ideenlos Rihm sich hier an handverlesenen Anklängen und Zitaten aus den Brahms-Sinfonien abgearbeitet hat. Und bisweilen raunt und dröhnt es derart, als wollte Rihm zwanghaft Wagner mit Brahms versöhnen. Für die von Fin de siècle-Pathos überladene Brahms-Vertonung (tonschön: Bariton Hans Christoph Begemann) musste dagegen der Brahms-Bewunderer Schönberg herhalten. So soll Musik im 21. Jahrhundert wirklich klingen?

Reinhard Lemelle, 22.06.2013



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