„Glauben Sie, Bach dreht sich im Grabe herum? Er denkt nicht daran. Wenn Bach heute lebte, vielleicht hätte er den Shimmy erfunden oder zum mindesten in die anständige Musik aufgenommen.“ Schon in den Goldenen Zwanzigern erkannte ein Bad Boy wie Paul Hindemith, was für ein Jazz-Potential in der Musik Johann Sebastian Bachs steckt. Und prompt machte er 1921 die Probe aufs Exempel – mit einem vierminütigen Orchester-Ragtime über eine Fuge aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“. Was Hindemith damals als nachweislich erster Komponist wagte, hat seitdem einen regelrechten Boom ausgelöst. Nach Jazz-Musikern von Django Reinhardt bis Uri Caine, den Beatles und zuletzt dem Pianisten Francesco Tristano hat nun der estnische Dirigent Kristjan Järvi den Thomaskantor musikalisch upgedated.
„Bach Re-Invented“ lautet das Projekt, das der Chefdirigent des Leipziger MDR Sinfonieorchesters mit seinem amerikanischen Absolute Ensemble konzipiert hat. Und für die drei Kompositionen bot jeweils eine zweistimmige Cembalo-Invention das Basismaterial. Nachdem Simone Dinnerstein am Flügel die Originale mit ihrer kostbaren Anmut und motorischen Zügellosigkeit also erst einmal glänzend in Erinnerung gerufen hat, machen sich drei musikalische Mehrkämpfer über sie her. Als Klavierkonzert hat Ensemble-Gitarrist Gene Pritsker seine Bach-Metamorphose „Reinventions“ ausgewiesen. Dabei steckt dahinter vielmehr eine kollektive Sause, bei der die 4. Invention von Satz zu Satz heftig mit Rock, Tango, New Orleans-Jazz und sogar Hiphop flirtet. Eher wie eine weltmusikalische Jazz-Suite ist dagegen das Concerto grosso „toopART Reinventions” des Saxofonisten Daniel Schnyder angelegt. Und Bigband-Arrangeur Tom Trapp hat die Invention Nr. 8 in eine fast neo-klassizistische, von raffiniertem Drive getriebene Fusion-Hymne verwandelt, die ein Frank Zappa wohl in seinem ersten Leben ebenfalls gerne komponiert hätte. Und auch hier würde Bach im Traum nicht daran denken, sich im Grabe umzudrehen.

Guido Fischer, 13.07.2013



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