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Johannes Brahms

Streichquartett a-Moll op. 51/II, Klarinettenquintett h-Moll op. 115

Jerusalem Quartet, Sharon Kam

harmonia mundi HMC 902152
(71 Min., 6/2012)

Gleich zwei Werke einer solchen emotionalen Dichte, mag sie auch schwer in Worte zu fassen sein, könnten im Konzert kaum aufeinander folgen. Das a-Moll-Quartett op. 51/II und das Klarinettenquintett sind geradezu vollgesogen mit Brahmsscher Schwermut. Da ist schnell allzu schwerer Wein gekeltert, doch wer sich mit der Darstellung der unerhörten konstruktiven Dichte dieser Musik begnügte, dem entglitte ihre dunkle Seele. Das Jerusalem Quartet wählt einen mittleren Weg (da ist es nicht das erste ...), besichtigt die elegischsten Orte des Quintetts mit einer behutsamen Skepsis und findet sein Glück im Rückzug auf die kleinere Geste. Wer aufmerksam zuhört, bemerkt, wie die Interpretationsgeschichte manche Wendung zur Floskel wehmütiger Rhetorik erhoben hat. Schon der Eingang der Klarinette wird meistens mit einem Drücker beschwert, als könne das Instrument vor lastender Wehmut kaum seine dunkle Stimme erheben. Sharon Kams vergleichsweise diskreter Einsatz lässt einen kunstvoll-beiläufigen Konversationston erstehen, der die erlesene Kontrastarmut des Werkes gut einfängt. Das gedämpfte Licht einer Peter Steinschen Tschechow-Inszenierung liegt über dem Kopfsatz. Manches wird gemildert – so die deutlich abgeschliffenen Sechzehntel-Aufschläge, anderes, wie die oft überdeckten metrischen Verschiebungen, bebt in nervöser Deutlichkeit.
Überzeugend gerät auch die Finale-Dramaturgie, an dessen Schluss das fahl abgewandelte, unvergessliche erste Thema des Quintetts wieder erscheint ‒ eine oft allzu forciert wirkende Demonstration zyklischer Geschlossenheit. Das Jerusalem Quartet zeigt uns, dass Brahms hier keine organische Entwicklung, sondern einen verstörenden Bruch im Sinn gehabt haben könnte: Aus der lind-bewegten pizzicato-Variation werden wir in die schneidende Kahlheit eines Abschlusses gerissen, in dessen gespenstisch verdorrten Harmonien das wehmütige Thema geradezu erfriert.
Ganz so eindringlich ist das a-Moll-Quartett nicht geraten. Mit einer etwas ausnüchternden Tendenz verflüchtigen sich nämlich nicht nur emotionale Drücker, möchte man sie denn exorzieren, sondern auch folgenreiche konstruktive Details. Der oft reichlich gewichtig ausgesungene Doppelschlag – Reminiszenz an das Schubertsche „Rosamunde“-Quartett –, mit dem das Cello den dritten Satz beginnt, wird zum bedeutungslos hingehauchten Ornament degradiert. Dass er ein Keim ist, aus dem die triolische Auftaktgeste hervorwächst, die das ganze Quasi minuetto durchwebt, versteht man dann nicht mehr. Auch das Finale ist vielleicht etwas zu leichtgewichtig geraten, das dolce-Seitenthema allzu beiläufig, die akkordischen Höhepunkte ein wenig dünn – aber die resignativen poco tranquillo-Takte vor der Coda sind dann wiederum so bezwingend und eisig geraten, dass man geschmäcklerisches Mäkeln vergisst. Es ist, als würden sie alles schwungvolle Geschehen in sich einsaugen und zum Schweigen bringen. So hat diese Besichtigung melancholischer Orte des klassischen Kanons eine eigentümliche Tugend, die für fehlendes emotionales Schwelgen entschädigen mag: Die depressive Schlussbilanz beider Werke wird in aller Deutlichkeit gezogen.

Matthias Kornemann, 27.07.2013



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