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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Was die Leistungen der schottischen Musiker und des Dirigenten betrifft, könnte man dem neuen „Don Giovanni“ des Mozart-Altmeisters Charles Mackerras Referenz-Status zubilligen: Selten hat jemand den lebendigen, sinnlichen Pulsschlag dieser schwarzen Komödie, den unersättlichen Vorwärtsdrang, das obsessive Prinzip der Musik so flüssig, locker, zielgerichtet nachgezeichnet wie der einundsiebzigjährige Maestro, der als einer der letzten beste britische Mozart-Tradition verkörpert.
Weniger erfreulich ist dagegen die vokale Seite des Unternehmens, die ein arg zusammengewürfeltes und zu unausgewogenes Solistenensemble aufbietet: Felicity Lott ist eine Elvira mit großer Bühnenerfahrung, kultiviert hier aber mit heftigem Vibrato nur das bekannte Klischee der „hysterischen Alten“, während die rauh und unkultiviert (und leider zu oft unsauber) dröhnende Amerikanerin Christine Brewer Mozarts Donna Anna zu einer frühen Wagner-Heroine aufbläht. Gegen derlei vokale Übermacht wirkt der an sich wendige tenore di grazia Jerry Hadleys wie eine Operettenkarikatur des tragischen Liebhabers Don Ottavio. Untadelig, wenn auch nicht berückend, sind die Leistungen der beiden italienischen Nachwuchssänger Nuccia Focile (Zerlina) und Alessandro Corbelli (Leporello), während der dänische Bariton Bo Skovhus bei aller Souveränität und allem metallisch-abweisenden Macho-Charme das entscheidende Quantum sinnlicher Verführungskunst und unwiderstehlichen Flairs wie auch die nötige rebellische Energie vermissen lässt.
Im Sextett des zweiten Aktes fehlen übrigens vier entscheidende Töne in der Partie der Donna Elvira („Pietà, pietà!“), was beweist, dass Frau Lott ihren Part nachträglich overdubbed hat, während der Produzent gerade Zigaretten holte. So etwas ist besonders peinlich, wenn man „philologische Korrektheit“ im Schilde führt und fein säuberlich alle Fassungen der Oper einspielt. Aber auch hier passt die unbotmäßige Häufung von falschen Appogiaturen und sonstigen vokalen Mätzchen nicht so recht ins Konzept.
In der Summe ein sehr britischer, sehr flotter, etwas unterkühlter und zu diesseitiger Don Giovanni, bei dem trotz allem Pulsieren die „Urkräfte des Erotischen“ unter Verschluß bleiben.

Attila Csampai, 30.06.1996



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