Auf diesen "Don Giovanni" hatte ich mich wirklich gefreut. Die fantastische Einspielung der Beethoven-Ouvertüren durch den gefeierten englischen Taktstock-Youngster Daniel Harding noch im Ohr, wollte ich sie auch hier hören: diese kompromisslos herausgemeisselten komponierten Figuren und musikalisierten Emotionen; eine Höllenfahrt, die ans Herz greift, dabei aber auch dem kritischen Blick in die Partitur stand hält. Mit derartigen Superlativen kann Harding hier jedoch nicht aufwarten.
Sicher: Auch dieser "Don Giovanni" ist ein Produkt jener glücklichen Generation von Musikern, die sich bei historisch orientierten Vorbildern ebenso bedienen können wie bei gewachsenen "modernen" Interpretations-Traditionen. Harding pflegt ein gleichsam spitzzüngiges Klangbild, dessen Artikulation und Ausgestaltung auf Wirkung angelegt sind und diese auch erzielen. Doch muss man nur den Anfang der Oper hören, um festzustellen, dass auch hier nur mit Wasser gekocht wird. Bereits die halben Noten im Bass des Ouvertüren-Beginns, die, wie um die Dominanz der dunklen Mächte anzudeuten, eigentlich doppelt so lang klingen sollten wie die Oberstimmen, werden hier zu kurz genommen. Auch die Achtelnoten hinter den punktierten Vierteln werden bei Harding zu Sechzehnteln - was die Begleitung zwar schärfen mag, aber auch mit überflüssiger Unruhe füllt (und außerdem so nicht notiert ist). Des Weiteren bemerkt man unzählige Verschleifungen bei schnellen Streicher-Figuren.
Gutes gibt es allerdings auch zu entdecken: viele sänger-dienliche dynamische Zurücknahmen in Ensembles - und in Donna Elviras fast noch barocker Affekt-Arie "Ah!fuggi il traditor" zeigt Harding mustergültig, wie eine dezente und dennoch ausdrucksstarke Arien-Begleitung zu klingen hat. Dass diese (wie auch die Rezitative insgesamt) durch ein dumpfes Hintergrundrauschen empfindlich gestört werden, ist allerdings ziemlich ärgerlich (die Einspielung ist eine Live-Aufnahme aus Aix-en-Provence).
Auch bei den Sängern liegen Freud und Leid nahe beieinander. Das kann man auch darauf zurückführen, dass Harding die Oper dramatisiert, dass er die Handlung (zumal mit Hilfe sehr rascher Tempi) voranpeitscht, wo immer dies möglich ist. Carmela Remigio hat hörbar viel für den dramatischen Anteil ihrer Partie übrig, wirkt aber für diese doch etwas ältlich, vor allem in der Höhe angestrengt und oft allzu Tremolo-belastet. Ob sich Véronique Gens mit dem allmählichen Wechsel ins dramatische Fach einen Gefallen getan hat, ist zumindest angesichts ihrer Darstellung der Donna Elvira zu bezweifeln: Wohl gibt es Passagen, in denen sich energetische Kraft und gestalterische Feinheit ideal ergänzen, doch bemerkt man auch neue Schärfen in der Höhe.
Da können Peter Matteis jugendlich-smarter Don Giovanni und Gilles Cachemailles vitaler Leporello weitaus eher überzeugen. Gut gefällt mir auch Lisa Larssons Zerlina, die ihre Leichtigkeit selbst dort bewahrt, wo Harding das Tempo bis weit über die empfohlene Richtgeschwindigkeit hinaustreibt. Masetto und Don Ottavio sind mit Till Fechner und Mark Padmore (der ein wundervoll zärtliches "Dalla sua pace" singt) gut besetzt. Und die Champagner-Arie? Sprudelt wild. Da könnte man glatt vergessen, dass im Text eigentlich gar nicht von Sekt, sondern von Wein die Rede ist.

Susanne Benda, 13.07.2000



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