Schon 2000 hatte sich die finnische Komponistin Kaija Saariaho für ihr Operndebüt „L´Amour de loin“ ein Kapitel aus dem Goldenen Zeitalter der Troubadoure ausgewählt. Und wie so oft, ging die mittelalterliche Love-Story zwischen dem berühmten Troubadour Jaufré Rudel und einer Prinzessin ohne Happy End aus. Ein ähnliches Schicksal ereilt auch die beiden Protagonisten in der Oper „Written On Skin“ des Engländers George Benjamin. So hat sich Benjamins Librettist Martin Crimp von einer Troubadour-Sage aus dem 13. Jahrhundert inspirieren lassen, in der der Troubadour Guillem de Cabestanh sein Herz an die Angebetete gleich im doppelten Sinne verlor. Denn zum Schluss muss sie den Lebensmuskel essen, der ihr vom betrogenen Ehemann aufgetischt wird. Bei Crimp / Benjamin fungiert nun der Troubadour zudem als Buchmaler, der im Auftrag eines Herrschers seine grausamen Taten bebildern soll und dabei die junge Agnès kennen und lieben lernt.
Im Gegensatz zu Kaija Saariahos hauchzart-filigraner Musik besitzt die Benjamin´sche zwar ein dramatischeres Potential. Trotzdem holt auch er nur selten zur großen, aufschreckenden Fortissimo-Geste aus. Bei ihm baut sich das aufziehende Gewitter in dieser Dreiecksgeschichte vielmehr mit suggestivem Glühen im Vokalen auf. Und das Mahler Chamber Orchestra, das Benjamin 2012 bei diesem Live-Mitschnitt von der Uraufführung in Aix-en-Provence dirigierte, sorgt für ungemeine Reibungsenergien und eine koloristische Bandbreite, die von Alte Musik-Assoziationen bis zur gemäßigten Moderne reicht.
So glänzend das vom MCO gespielt wird, so packend präsentieren sich die drei Protagonisten. Bariton Christopher Purves ist als „Protector“ ein wahrer Dämon. Bei Sopranistin Barbara Hannigan als Angès schwingt von Beginn an das Unheilvolle mit. Und Countertenor Bejun Mehta verführt stimmschauspielerisch mit sinnlichster Unschuldsmiene. Solch ein hohes sängerisches Niveau ist daher das I-Tüpfelchen auf einem neuen Musiktheater-Stück, das im Gegensatz zu vielen anderen Novitäten nicht so schnell wieder in den Schubladen landen wird. Quasi als instrumentale Zugabe ist Pierre-Laurent Aimard in dem „Duet“ für Klavier und Orchester zu hören. Und als alter Benjamin-Spezialist weiß er nur zu genau, wie er all die zersplitterten Klangkristalle illuminieren muss.

Guido Fischer, 10.08.2013



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