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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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César Franck

Die Kammermusik

Quatuor Malibran, Tatiana Samouil, David Lively, Justus Grimm, Korneel Le Compte

Note 1/Cypres CYP4637
(264 Min.) 4 CDs

Die Frage der Nationalität wird oft gestellt bei César Franck. Der Sohn einer deutschen Mutter wird 1822 in Belgien geboren, das es als Nation aber noch gar nicht gibt, und macht in Paris Karriere, er wird zum Neubegründer einer französischen Instrumentalmusik, obwohl seine Vorbilder Beethoven und Wagner heißen. In den Sinn kommt die leidige Frage auch nur, weil die Gesamteinspielung von Francks Kammermusik bei Cypres nun doch einen leicht nationalen Anstrich hat: ein Komponist aus Lüttich, ein belgisches Label, ein Kulturfonds französischsprachiger Länder als Sponsor, Interpreten, die mit zwei Ausnahmen aus Brüssel stammen oder zumindest dort arbeiten, im Orchester des Opernhauses La Monnaie.
Doch schon das kundige Textheft zur CD-Box und vor allem die Aufnahmen selbst lassen nicht einmal für den Hauch von patriotischem Muff Spielraum: Hier wird schlicht und ergreifend in hervorragenden Interpretationen das Werk eines hervorragenden Komponisten ausgebreitet in allen Details – von den Anfängen des Wunderkinds in der Salonmusik, den frühen Klaviertrios, die einige überraschende formale Details bereit halten, bis zu den Meisterwerken der späten Jahre, dem Klavierquintett und der berühmten Violinsonate. Sie zählen zum Besten, was in dieser Zeit komponiert wird. Harmonisch lassen diese letzten Werke bereits die aufbrechende Moderne erahnen: Das 1889 entstandene Quartett etwa nimmt in seiner starken Chromatik Schönbergs „Verklärte Nacht“ vorweg. Franck reduziert die typische Schwerkraft der Tonalität und bringt sie zum Schweben.
So kompakt gebündelt wie hier erlaubt die Kammermusik von César Franck eine Zeitreise durch die französische Kultur des 19. Jahrhunderts. Erstaunlich, dass die Keimzelle für Francks visionäres spätes Schaffen schon in einem Jugendwerk schlummert: 1839 schreibt der 17-Jährige ein Klaviertrio, in dem er die einzelnen Sätze thematisch miteinander verklammert. Diese Idee eines zyklischen Komponierens wird Franck perfektionieren und weiterreichen an seine vielen Schüler. Die Spannung, die er aus diesem Kunstgriff im Innerraum seiner Musik gewinnt, ist in jeder der hier versammelten Aufnahmen präsent: Am stärksten bei David Lively und Tatiana Samouil, die Francks Werke für Klavier und Violine mit enormer Energie aufladen und bei aller Wucht und Entschiedenheit reaktionsschnell die vielen Stimmungsschwankungen nachzeichnen – wenn die gerade noch auftrumpfende Musik plötzlich in Schwermut verfällt. Die Box birgt nicht nur viele Entdeckungen, sie setzt in der Intensität ihrer Aufnahmen interpretatorische Maßstäbe: ein glänzendes Plädoyer für das Wunderkind, das ein Spätzünder war, ein glänzendes Plädoyer für César Franck.

Raoul Mörchen, 02.11.2013



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