Luigi Boccherinis ungemein reizvolles „Stabat mater“ wird meistens in der Frühfassung von 1781 für Solosopran und Streichquintett aufgeführt – zuletzt war eine entsprechende Neueinspielung von Amaryllis Dieltiens und der Streicherformation „capriola di gioia“ zu loben gewesen. Im Jahre 1800 hat Boccherini das Stück allerdings nochmals umgearbeitet. Als „Opus 61“ präsentiert sich dieselbe musikalische Substanz dann als streicherbegleitetes Vokalterzett. Ebendiese Version hören wir auf der vorliegenden CD, die Miguel de la Fuente bereits 1979 aufgenommen hat.
Kein Streichquintett, sondern ein kleines Streichorchester fand hier Verwendung, und man kann von dieser immerhin knapp 35 Jahre alten Aufnahme noch nicht jene „historisch informiert“ delikate Artikulation erwarten, die etwa für Robert King 1999 in seiner Einspielung dieser Version wohl schon eine Selbstverständlichkeit war. Auch liegen die Sänger dieser CD in puncto Intonation hier und da ein wenig daneben. Dennoch hat die Einspielung durchaus Atmosphäre: Zauberhafte Klangfärbungen der Streicher zeugen vom differenzierten Gestaltungswillen des Dirigenten, und die Ausdrucksintensität, zu der es die Sänger immer wieder bringen, darf als willkommenes Gegengewicht zu jenem Magerquark genossen werden, der uns im historisierenden Lager mitunter begegnet. So lehrt uns diese glücklicherweise wiederveröffentlichte Aufnahme einmal, dass nicht alles, was vor mehr als einem Vierteljahrhundert produziert wurde, sein Verfallsdatum bereits überschritten haben muss.

Michael Wersin, 09.11.2013



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