Responsive image

Standards

Flechsenhar-Trio

Gligg/Amazon Gligg 065
(48 Min., 8/2012)

Der Umgang mit altbekannten Materialien aus dem Great American Songbook ist immer ein Balance-Akt. Bleibt man zu nah am Original, stellt sich gepflegte Barjazz-Langeweile ein. Entfernt man sich hingegen zu weit von Melodie, Harmonien und Kernaussage, droht selbstverliebter Verrat. „Standards“ also: Mit so einem CD-Titel kann man als Sängerin nur verlieren. Oder alles gewinnen.
Wie im Falle der Berlinerin Britta-Ann Flechsenhar. Ihr und ihren Mitstreitern Andreas Schmidt am Klavier und Jan Roder am Bass ist die Gefahr, in die man sich mit Interpretationen von Stücken wie „Tea For Two“, „Honeysuckle Rose“ oder „Laura“ begibt, deutlich bewusst. Aber schon die Auftaktnummer „Sometimes I'm Happy“ macht klar, wohin die Reise geht. Schmidts Spiel mit harmonischen Mehrdeutigkeiten passt perfekt zu der emotionalen Dysfunktionalität des Textes, den Flechsenhar mit Respekt und verhaltenem Borderlinertum vorträgt. Selbst ihr Scat-Solo wirkt nicht wie eine narzisstische Stimmbandübung, sondern wie eine innere Notwendigkeit.
Ohnehin macht die Sängerin aus der Reduktion eine Tugend. Wie eine große Schauspielerin, die mit einem leichten Mundwinkelzucken oder einer kurz hochgestellten Augenbraue ganze Dramen erzählen kann, arbeitet Flechsenhar mit minimalistischen stimmlichen Verzierungen. Besonders gut gelingt das in der hüftschiefen Two-Beat-Jazz-Version von „Honeysuckle Rose“, im schrundigen Tom-Waits-Ausflug „Johnsburg Illinois“ sowie im Treffen mit „Laura“, wo Roder sirrend obertonreich seinen Bass mit dem Bogen beinahe zersägt.
Der aussagekräftigste Titel der Session, die so schwül und intim klingt, als sei sie in einer Holzhütte im Süden der USA aufgenommen worden, ist freilich „I'm Oldfashioned“. Dass man nicht zwangsläufig von gestern sein muss, wenn man alte Sachen mag, zeigt die Aufnahme aufs Anregendste.

Josef Engels, 16.11.2013



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Gab es einen größeren Goethe-Verehrer unter den Komponisten als Ludwig van Beethoven? Den Poeten lernte Beethoven 1812 kennen, da hatte er sich von dessen Werken schon längst zu eigenen Kompositionen inspirieren lassen, vor allem zu einer ausgedehnten Bühnenmusik zum Trauerspiel „Egmont“. Eine geniale Mischung aus Poesie bzw. poetischer Andeutung und musikalischer Ausgestaltung, aus Worten und Klang. Diese Musik habe er „bloß aus Liebe zum Dichter geschrieben“, meinte Beethoven in […] mehr »


Top