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Gabriel Fauré

Klavierwerke

Angela Hewitt

Hyperion/note1 CDA67875
(73 Min., 8/2012)

Ich hatte meine Zweifel, ob ausgerechnet Angela Hewitt, die den Plattenmarkt seit vielen Jahren in unheimlich fleißigem Takt mit angenehm perlendem Barock und gefälligen Klassikern bereichert, der wohl unausrottbaren Missachtung der Klaviermusik Faurés entgegenspielen könnte. Ihr engagierter Text im Beiheft ist ein regelrechtes Versprechen, das sie in ihrer Aufnahe streckenweise sogar einlöst, besonders in zwei „Valses Caprices“ und der Fis-Dur-Ballade.
Bei den Valses hat sich eine Traditionslinie des nähmaschinenhaften Abschnurrens durchgesetzt, die absurde Walzer ohne kapriziösen Geist erzeugt. Letzerer aber neigt ja zum wetterwendischen Bruch aller Regelmäßigkeiten, und dieser Zug ist den Noten auch derart eingebrannt, dass man sich über die weitgehende interpretationsgeschichtliche Glätte wundern kann. Dabei liegen die musikalischen Schichten gar nicht so abgezirkelt übereinander, wie Hewitt im Mittelteil der ersten Valse zeigt. Im Wechselspiel von quasi unendlicher Melodie, chromatisch vorankriechender Mittelstimme und lustig grummelnden Bass-Einwürfen herrscht nicht das Ebenmaß, sondern anmutige Unordnung. Auch in den raschen Strecken kreiert sie den glitzernden Taumel, den die dauernden Temporückungen und asymmetrischen Akzente erzeugen sollten.
Bei der „Ballade“ liegen die Dinge anders. Der Beginn ist ein melodisches Wunder, aber manchmal betäubt uns allzuviel Lilienduft und Süße, den die jüngeren Spieler verbreiten, die sich längst aus der diskreteren Bahn der französischen Schule begeben haben. In der exzellenten neuen Urtextausgabe sind die Fauréschen Interpretations-Leitlinien nachzulesen, die einen zügigen, rubatolosen und etwas kühlen Beginn festschreiben. Angela Hewitt hat sich hörbar darauf eingelassen. In den schnellen Sektionen der Ballade, dort, wo viele Pianisten die Sechzehntelschnüre durch die Finger gleiten lassen, als seien sie eingeölt, um sie in unendliche Jugendstilornamente zu schlingen, dekorativ und gefällig, entwirft sie ein kontrolliertes und zurückgenommenes Grau-in-Grau, das nicht jede Figur als zärtliche Geste auskostet. Motivische Arbeit erstickt nicht im Ornament, Formteile sind durch markante Zäsuren gegliedert, ein vages Aroma klassizistischer Trockenheit stellt den französischen Geist wieder her, der sich in der samtigen, globalisierten Einheitspianistik ja traurig zu verflüchtigen scheint. In den Nocturnes gelingt das nicht ganz so überzeugend, da gerät manches manieriert gedehnt – aber insgesamt überzeugt Angela Hewitts Plädoyer.

Matthias Kornemann, 01.02.2014



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