Der Belgier Jérôme Lejeune ist nicht nur eine musikwissenschaftliche Koryphäe auf dem Gebiet der Alten Musik. Lejeune ist auch Labeleigner und ein überaus qualitätsbewusster Verfechter der historischen Aufführungspraxis, der ausschließlich mit Spitzenkräften die Musikarchivsteine umdreht und durchweg Erstaunliches zu Tage fördert. Zwischendurch aber streift er immer wieder durchs eigene Schallarchiv, um exemplarische Klangbeispiele für Themenboxen zusammenzustellen. Und muss er dann feststellen, dass das gewünschte Musikstück noch nicht bei ihm erschienen ist, kann er auf die Hilfe von Labelkollegen bauen.
So geschehen bei der 8 CD-Box, die sich der europäischen Renaissance-Musik widmet. Da begegnet man etwa dem englischen Counterpapst Alfred Deller mit seinem Consort wieder. Auch die bodenständigen Chansons mit Dominique Visse und seinem Ensemble Clément Janequin sind inzwischen auch so etwas wie Klassiker im Alte Musik-Segment. Doch wie schon bei dem vorbildlichen Einblick in die flämische Polyphonie hat Lejeune für dieses Epochenporträt nicht einfach großartige Aufnahmen recycelt. Ihm ist es vielmehr dramaturgisch klug gelungen, dem riesigen Klang-Panorama der Renaissance in all seinen visionären Facetten und musikalischen Farben und Formen Kontur zu geben. Dabei kommen dementsprechend nicht nur die bahnbrechenden Vokalwerke von Desprez und Palestrina über Thomas Tallis und Alessandro Striggio bis hin zu Gesualdo und Orlando di Lasso zu Gehör. Ausgewählte Cembalo- und Orgelwerke von Sweelinck und Johann Hermann Schein geben ebenfalls einen konzentrierten wie repräsentativen Einblick in die Instrumentalmusik eines Zeitalters, dessen Anziehungskraft durch diese CD-Edition noch einmal potenziert wurde.

Guido Fischer, 08.02.2014



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