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György Ligeti, György Kurtág, Franz Liszt

Hungarian Diary

Teodoro Anzellotti

Winter & Winter/Edel 1002122WIN
(49 Min., 9 & 12/2012, 8/2013)

Wohl kein zweiter Musiker hat den facettenreichen Atem des Akkordeons derart neu entdeckt wie Teodoro Anzellotti. Dafür lässt er sich nicht nur längst Werke von Komponistenstars in die Finger schreiben. Selbst Arrangements von Repertoire-Klassikern wie Bachs „Goldberg-Variationen“ geraten bei ihm in einen verblüffenden Schwebezustand. Auch für seine ungarische Klangreise hat Anzellotti ausschließlich auf Klavierwerke vom Dreigestirn Liszt / Ligeti / Kurtág zurückgegriffen. Von bisweilen noch nicht mal 20 Sekunden dauernden Miniaturen aus Kurtágs mehrbändigen Klavierwerk „Játékok“ („Spiele“) bis hin zu Liszts pianistischen Alterswerken wie „Nuages gris“ reicht da der Bogen. Mitten im Zentrum aber steht Ligetis 1953 beendeter Zyklus „Musica ricercata“. Und besonders in diesen elf Stücken bringt Anzellotti die Knöpfe und Tasten einfach ungemein burlesk, verschmitzt und auch charmant auf motorische Hochtouren.
Nicht weniger fulminant geht es aber auch bei den Kurtág-Piècen zu, die der Komponist zusammen mit dem Solisten eingerichtet hat. Dann wieder verwandelt sich die Quetschkommode in ein faszinierend schillerndes, liturgisches Instrument. Oder es bläht sich so dramatisch schauerlich auf, als ob Kurtág hier einen Soundtrack zu einem Stummfilm-Schocker komponiert hätte. Filmgeschichtliche Assoziationen löst zudem Franz Liszts „Bagatelle san tonalité“ aus – wenn das Akkordeon immer mehr das Tempo anzieht und damit jenes Nachkriegs-Wien vor dem geistigen Auge entstehen lässt, in dem Harry Lime alias Orson Welles in „Der dritte Mann“ sein Unwesen getrieben hat. Einfach eine tolle CD.

Guido Fischer, 15.02.2014



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