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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier I & II

Daniel-Ben Pienaar

Avie/Edel 1022992AV1
(9/2004 (II), 4/2013 (I)) 4 CDs

Als kanonisiertes, auf den Sockel musikgeschichtlicher Bedeutsamkeit erhobenes Denkmal lädt das „Wohltemperierte Klavier“ nicht mehr unbedingt zu spielerischer Entdeckungsfahrt ein und scheint die Tastenmusiker mittlerweile eher in ehrerbietige Haltung und stilistische Vereinheitlichung zu zwingen. Bei Daniel-Ben Pienaar aber geschieht etwas Mirakulöses, eigentlich Paradoxes: Durch den dicken Firnis der Tradition scheint der Pianist in das Paradies unschuldiger Entdeckungslust zurückgekehrt zu sein, doch seine glanzvoll protokollierende Pianistik nährt sich aus der Überlieferung dreier Jahrhunderte. Nicht nur der Ton des Cembalos wie des Clavichords klingt nach, sondern auch die Erfahrungen der großen Spieler von Fischer bis Gould. Und das individuelle Klanggewand, das jedem Stück zugemessen wird, zeigt in seiner Gelehrtes und Spielerisches anmutig verschlingenden Textur eben jene Fäden, die uns von seiner Geschichte und stilistischen Bestimmung erzählen.
Dass Welten zwischen dem triumphal abschnurrenden Cis-Dur-Präludium und der vokal gedachten Passionsmusik des Moll-Geschwisters mit seiner orgelhaft gesteigerten Riesenfuge liegen, wussten wir, aber selten wohl gestaltete ein Pianist die radikalen Übertritte von einem klanglichen Medium in ein völlig anderes so kühn. Gelegentlich ereignen sich die werkhistorisch angelegten Brüche auf noch engerem Raum: Zwischen der mächtig ausgreifenden Doppelfuge des „Präambulums“ in Es und der duftigen Häkelei der viel später entstandenen Fuge gibt es, von der Tonart abgesehen, keine Verwandtschaft diesseits ihrer gemeinsamen Existenz in Bachs unermesslichem Kosmos. Auch der Schritt aus der traumverlorenen Schönheit des E-Dur-Präludiums in die von gewaltigen Energieströmen durchpulste Fuge stellt einen Umschwung dar, dessen expressives Potential man kaum packender ausspielen könnte. Selbst die Evolution einzelner Sätze vom Frühstadium des „Klavierbüchleins“ zur Endform wird nachgestaltet. Scheinbar spontan und doch unerhört kontrolliert hängt Pienaar das sechstaktige, improvisatorische Fähnchen an, in dem der mechanische Grimm des vorangegangenen c-Moll-Präludiums anmutig zerflattert.
Kaum ein Stück, das kein erkennendes Staunen hinterließe. Diese faszinierende Klavierkunst gleicht dem zerbrochenen Spiegel, der die ganze Welt auffängt. Selbst wer die großen Aufnahmen der beiden Teile kennt, wird sich seinen betörenden Reflexionen nicht entziehen können.

Matthias Kornemann, 22.02.2014



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