Schon beim Einlegen von Mahlers Achter in den CD-Spieler steigt gewöhnlich der Puls – angesichts der Monumentalität, die da gleich die Boxen (und die Nachbarschaft) erzittern lässt. Gravitätisch – ganz im Sinne eines festlichen Hochamtes in einer gotischen Kathedrale, wie es der mittelalterliche Pfingsthymnus mit dem gewaltigen Orgelauftakt imaginiert, präsentiert Pierre Boulez das "Veni, Creator Spiritus". Während Solti dieses "Komm, Schöpfer Geist" als atemberaubend vorwärtsstürmendes Fanal versteht und Bernstein sich verglühend der Klangfülle von Mahlers himmlischen Heerscharen hingibt, setzt Boulez auf die spirituelle Stärke, die aus dem archaischen Hymnus spricht. Das mag bei einem bislang nicht gerade für seine Frömmigkeit berühmten Avantgardekünstler irritieren; aber der pfingstliche Ruf nach der "göttlichen Kraft", die Geist, Seele und "unseren schwachen Leib" erfüllen, könnte kaum sinnfälliger gestaltet sein. Diese im besten Sinne "bedächtige", konzentriert-analytische Eindringlichkeit, die manche überraschende Akzentuierung von Nebenstimmen bereithält, durchzieht auch den zweiten Teil, Goethes faustische Eros-Apotheose. Zwar erreicht Boulez‘ Solistenriege hier nicht durchgängig das einsame Niveau jener beiden Vergleichseinspielungen; gleichwohl muss angesichts einer derart tiefengestaffelten und nuancenreichen Klangauffächerung, die vom Orgelschauer über die stets mustergültig präsenten Chorstimmen bis zur filigranen Sologeige einen geradezu lupenreinen Blick in die Riesenpartitur ermöglicht –, angesichts solcher Meriten muss von einer dritten Referenzeinspielung gesprochen werden. Und von einem großartigen Abschluss eines Mahlerzyklus‘, mit dem der Grandseigneur französischer Dirigierkunst nicht immer nur Euphorie heraufbeschwor. Schließlich seien noch die fabelhaften DG-Toningenieure erwähnt, die in der Berlin-Dahlemer Christus-Kirche erst beim kathartisch kollabierenden Schluss an ihre (stereofonen) Grenzen gestoßen sind.

Christoph Braun, 23.11.2007



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