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Joseph Haydn

Scottish Airs, Klaviertrio Hob. XV:27

Werner Güra, Christoph Berner, Julia Schröder, Roel Dieltiens

harmonia mundi HMC 902144
(65 Min., 3/2012)

„Haydn in Schottland“ lautet die Überschrift des Teasers auf der Rückseite dieser CD – und sie ist irreführend: Tatsächlich ist Haydn bei seinen Englandreisen niemals bis nach Schottland vorgedrungen. Aber er hat sich dennoch überraschend intensiv mit schottischen Volksliedern auseinandergesetzt: Insgesamt 375 (!) solcher Weisen hat er liebevoll bearbeitet, viele davon für die Besetzung, die wir hier hören – Gesang, Violine, Cello und Klavier.
Es ist eine überaus reizvolle Idee, eine volkstümliche Melodie in einen Klaviertrio-Satz einzubauen – oder sollte man lieber sagen, einen Klaviertrio-Satz um ein Volkslied herumzukomponieren? Wie auch immer: Es begegnen sich hier in den besten Nummern niveauvolle Kammermusik der klassischen Epoche und altes, höchst atmosphärisches Volksgut eines ganz anderen Kulturkreises. Wie prägnant sind doch die typischen Floskeln dieser schottischen Melodien, z.B. das mehrfache Antippen von tiefen Grundtönen, die oft mit größeren Sprüngen erreicht werden, wie munter klingen die immer wieder aufwärtsstürmenden melodischen Gesten in den fröhlicheren Liedern dieses unerschöpflichen Repertoires.
Werner Güra macht eine ausgesprochen gute Figur in diesen Liedern. Er ist mühelos in der Lage, seinen Gesang gerade so ungekünstelt klingen zu lassen, dass das volksmusikalische Idiom nicht konterkariert wird; dass die Melodien trotzdem selbstverständlich eine professionelle Stimmtechnik fordern, trägt Güra niemals zur Schau. Der Rezensent fühlt sich erinnert an die sieben Liedbearbeitungen Haydns, die in der Interpretation von Fritz Wunderlich als Live-Mitschnitt überliefert sind: Hier wie dort sind Natürlichkeit und Ehrlichkeit des Ausdrucks oberstes Gebot. Brillant übrigens die Idee, das Liedprogramm durch ein Klaviertrio von Haydn zu ergänzen: So kommen auch die Kammermusik-Fans mit einem höheren Kunst-Anspruch voll auf ihre Kosten, und außerdem wird die Verbundenheit der auf den ersten Blick so unterschiedlichen Genres erlebbar.

Michael Wersin, 17.05.2014



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