Der mongolische Tartarenführer Tamerlano muss das genaue Gegenteil von einem weisen, verständnisvollen und friedliebenden Zeitgenossen gewesen sein. Wer ihm wie der Sultan Bajazet zu Beginn des 15. Jahrhunderts in die Quere kam, der bekam von Tamerlano alle Grausamkeiten dieser Welt zu spüren. Drei Jahrhunderte später ließ sich Händel von seinem Librettisten Haym daraus eine klassische Historienoper schreiben, in der natürlich die handlungsüblichen, amourösen Nebenkriegsschauplätze nicht fehlen durften. So hat Tamerlano ein Auge auf Bajazets bereits anderweitig vergebene Tochter Asteria geworfen. Doch man ahnt es schon. Selbst ein Unhold hat ein weiches Herz. Weshalb alles aufs standesgemäße Happy End zuläuft und Tamerlano die alles versöhnende Zauberformel spricht: „Den Hass vergessend und auf immer Freunde, vom heutigen Tag werden wir glücklich regieren“. Bevor aber der Vorhang dieses Dreiakters endgültig fällt, krönt Händel seine Oper mit einem vierstimmigen, bittersüßen Chorgesang, der wie unter einem Brennglas noch einmal den beschwerlichen Weg vom Dunkel ins Helle zusammenfasst.
1724 erlebte Händels „Tamerlano“ in London seine Uraufführung, bei der illustre Sängerstars wie die Kastraten Andrea Pacini und Senesino sowie die Sopranistin Francesca Cuzzoni zu hören waren. Für die Einspielung der leicht überarbeiteten Fassung von 1731 hat Dirigent Riccardo Minasi ähnlich aus dem Vollen geschöpft. Die Titelpartie hat er mit dem spanischen Countertenor Xavier Sabata besetzt, mit dem er 2012 bereits ein tolles Händel-Recital veröffentlicht hat. Den Prinzen und Asteria-Verlobten Andronico gibt Max Emanuel Cencic. Als „Bajazet“ brilliert Tenor John Mark Ainsley und als „Asteria“ die Sopranistin Karina Gauvin. Zusammen mit den mal schnittig, mal empfindsam auftrumpfenden Alte Musik-Spezialisten vom Ensemble Il Pomo d´Oro löst dieses Sängerteam alle Erwartungen nicht nur glänzend ein. Jeder kann mit stimmschauspielerisch vorbildlichem Gestaltungsvermögen jene Gefühlswelten und Seelenabgründe illuminieren, die Händel hier fast ohne die üblichen Bravourarien erkundet hat.

Guido Fischer, 07.06.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Erstens kommt es anders: Die Vielzahl der Initiativen klassischer Musik, die gerade auf die in selbstgewählter Isolation befindlichen Freunde dieser Musik einstürmt, ist enorm. Wäre die Lage der meisten freien Musikerinnen und Musiker nicht so verzweifelt angesichts der Veranstaltungsabsagen, könnte man sich ungetrübt über die Frische und Begeisterung freuen, die da zutage tritt. Auch das RONDO ist nicht unverschont geblieben – da Einzelhandel und Bibliotheken geschlossen sind, wollen […] mehr »


Top