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Petite fleur

Christof Lauer, NDR Bigband

ACT/Edel 1095672ACT
(57 Min., 9/2013)

Obwohl er neben Louis Armstrong als einer der ersten herausragenden Improvisatoren des Jazz gilt, steht Sidney Bechet nur noch bei Dixieland-Befürwortern hoch im Kurs. Kein Wunder, dass der mit allen Wildwassern der Moderne gewaschene Saxofonist Christof Lauer zögerte, als ihm Platten-Produzent Siggi Loch vor zehn Jahren die Idee für ein Bechet-Projekt unterbreitete. Zu unüberbrückbar schien die Differenz zwischen der Oldtime-Jazz-Legende aus New Orleans und dem von Albert Ayler, Heinz Sauer und Albert Mangelsdorff geprägten Hessen, den Volker Kriegel einmal den „besten Saxofonisten, den wir in Europa haben“ nannte.
Das Warten hat sich gelohnt. Denn der Produktion „Petite fleur“ gelingt etwas an sich Unmögliches: Sie holt sowohl die Bechet-Fans als auch die am Gegenwartsjazz Interessierten in ein Boot. Verantwortlich dafür zeichnet der Arrangeur und Dirigent Rainer Tempel, unter dessen Leitung die Bigband des NDR spannende Dialoge zwischen Lauers übersprudelnder Improvisationskunst und Bechets Song-Universum ermöglicht.
Da gehen unglaublich viele Türen auf: etwa in Richtung Orient, wenn Band und Solist im Stück „Casbah“ mit hypnotisierenden Ostinati durch den Wüstensand wandeln, oder in Richtung Elektrojazz, wenn in der an Radiohead gemahnenden Version von „Honyesuckle Rose“ die Bläser beatboxend schmatzen und durch einen Filter gejagt werden. Christof Lauer nutzt die sich ihm bietenden Freiheiten, indem er auf Tenor- und Sopransax mal verbindlich nah am Original bleibt – oder wahnwitzige solistische Girlanden dreht.
Dennoch bleibt der Hintergrund dieser Musik stets präsent, wenn auch nicht immer so deutlich wie in den nach Woody-Allen-Filmvorspann klingenden Versionen von „On The Sunny Side Of The Street“ oder „Si tu vois ma mère“ (das freilich im Verlauf von Dissonanzen erschüttert wird). Wenn die CD vorüber ist, hat man eine Reihe von Ohrwürmern im Kopf. Es sind Stücke von Sidney Bechet, die heute immer noch so gut sind wie zu ihrer Entstehungszeit.

Josef Engels, 19.07.2014



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