Im Jahr 1600 nahmen sich Jacopo Peri und Giulio Caccini unabhängig voneinander ein Libretto von Ottavio Rinuccini vor, um – rückwirkend betrachtet – damit das Tor zur Oper aufzustoßen. Während Peris „L´Euridice“ noch in jenem Jahr bei den Hochzeitsfeierlichkeiten der Maria Medici in Florenz uraufgeführt wurde, musste Caccini mit seiner Version noch zwei Jahre bis zur Premiere warten. Dennoch soll dieser Kollege laut Peri mit einigen beigesteuerten Arien auch nicht unerheblich am Erfolg von „Euridice I“ beteiligt gewesen sein. Hört man jetzt die Gesamteinspielung von „Euridice II“ aus Caccinis Feder, darf man darüber hinaus sicher sein, dass selbst ein Claudio Monteverdi sich mächtig in diese Partitur vertieft haben muss. Denn schon die Szene der Dafne, in der sie Orpheus von Euridices tödlichen Schlangenbiss berichtet, ist ein großes Wunderwerk des von Monterverdi mit seiner „Orfeo“-Oper aufgegriffenen Stile rappresentativo.
Im Live-Mitschnitt von den Innsbrucker Festwochen 2013 lassen Dirigent Rinaldo Alessandrini bzw. seine Sänger einen heiß und kalt erschaudern. So beklemmend gerät da dieses Minidrama, das vor allem dank der italienischen Altistin Sara Mingardo als Dafne zu einem einzigen Seelenfurioso wird. Vergleichbare Lobeshymnen gebühren aber auch den beiden Protagonisten Silvia Frigato (Euridice) und Furio Zanasi (Orfeo) sowie Alessandrini, der aus den nur skelettartig überlieferten Noten eine Opernkammermusik gestaltet hat, die spannender ist als jeder Stephen King.

Guido Fischer, 26.07.2014



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