Im Alter von 108 Jahren starb 2010 in Vevey der französisch-schweizerische Tenor Hugues Cuénod. Er war das verkörperte musikalische Gedächtnis eines ganzen Jahrhunderts: Das Wiener Kulturleben der 1920er Jahre hat er als Student miterlebt, mit Nadia Boulanger und Noel Coward war er einige Jahre als Sänger unterwegs. Sein Debüt hatte er 1928 in Kreneks „Johnny spielt auf“ … Das Haupt-Wunder seiner Biografie war aber freilich nicht das erreichte hohe Alter, das ihn zum gefragten Zeitzeugen der Vergangenheit machte. Erstaunlicher war, dass er seine leichte, helle, etwas androgyne Tenorstimme länger erhalten konnte als so gut wie alle bekannten Vokalisten: Viele seiner zahlreichen Aufnahmen entstanden in einem Alter, in dem ein Sänger normalerweise längst verstummt ist. So hören wir auf der vorliegenden CD u.a. ein Programm aus deutschen und französischen Klavierliedern (vorzüglich begleitet von Rose Dobos), das er als 74-Jähriger eingespielt hat. Seine Stimme klingt hin und wieder wohl ein klein wenig müde oder flach, aber im Grunde funktioniert sie tadellos, wie so mancher Voix-mixte-Effekt in der Höhe beweist.
Besonders faszinierend sind freilich die französischen Lieder: Vor allem Duparcs „Chanson triste“ singt Cuénod mit der Abgeklärtheit eines Interpreten, der alles gehört hat, was das Jahrhundert auf dem Gebiet der „Mélodie“ zu bieten hatte. Der erste Teil des Porträts, aufgenommen 1960, ist dem Alte-Musik-Sänger Cuénod gewidmet: Zusammen mit dem Lautenisten Joel Cohen gibt er sehr ansprechend u.a. Chansons der Renaissance zum Besten, als hätte er nie etwas anderes gemacht – zu einer Zeit, in der dieses Repertoire noch ein kaum entdeckter Randbereich war.

Michael Wersin, 26.07.2014



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