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Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Franz Liszt u.a.

Porträt Tamar Beraia

Tamar Beraia

EnSonus EAS 29271
(78 Min., 11/2013)

Wenn ich die Rezensionen über die Flut der Neuerscheinungen durchblättere, reibe ich mir oft die Augen. Alle so gut, begabt, interessant und vielversprechend. Ist das nicht eher der Kuschel-Konsens am Rande der Marginalität, ein Status, den sich Rezensenten und die Künstler teilen? Dem Hörer, der sich dem Ozean kommerzieller, in Wirklichkeit ja fast immer von den Musikern finanzierter Tonträger gegenübersteht, ist mit dieser Form von Artenschutz im winzigen Klassik-Biotop kaum geholfen.
Darf man im Besonderen über eine Debütantin herfallen? Gilt da nicht auch ein kaum weniger kuschelnder Konsens, wonach die jungen Talente alle so sensibel und verletzlich und folglich zu schonen seien? Das sind sie, aber auch im Pop, der bildenden Kunst oder im Sport sind die Menschen verletzlich. Einen solchen Schonraum wie die einwattierten Klassiker können sie indes nicht beanspruchen. Und derart von Korruption begünstigt wie junge Pianisten sind sie schon gar nicht.
Tamar Beraia habe ich beim Santander-Wettbewerb im Sommer 2012 gehört. Auch dort war es eine grundkorrupte Jury, die den vielleicht einzigen Hoffnungsträger aus dem finalen Sextett herauswarf. Für die 27-jährige Georgierin mit ihrem hölzernen, aber sympathisch unaffektierten Beethoven wurde es ein dritter Platz, den sie sich indes erst noch zu verdienen haben würde. Auf dieser CD ist das leider nicht gelungen.
Was sofort auffällt, ist der eigentümlich unangenehme Klavierklang. Das Thema der Chaconne (Bach/Busoni) ist tot, bevor es sich entfalten kann. Auch im notorischen „Carnaval“ sägt der Klang an unseren Ohrnerven, ein Meerschweinchenquieken im Diskant wie in der „Coquette“ hört man wirklich selten – das Instrument schreit regelrecht auf. Da wir, was Klavier- und Tontechniker angeht, vom BR ausgezeichnete Produktionen kennen, muss ich es auf das Spiel der Pianistin schieben, das auch in der wunderbaren kleinen Sonate op. 14/2 von Beethoven von einer gewissen Grobheit gezeichnet ist. Selbst simple Dinge wie die Terzgänge des zweiten Themas geraten leicht unregelmäßig, und wenn die Linke in der Durchführung so undifferenziert ihr Thema einnagelt, „drischt“ die Pianistin regelrecht. Das ist selbst in den Übe-Räumen unserer Hochschulen selten geworden. Das Klangbild ist indes nur ein Symptom interpretatorischer Unsicherheit. So hölzern und trocken, wie sich die Variationen des schlichten Andante-Marsches reihen, bemerkt man kaum, in welch schillernd-vergeistigter Weise sich das Thema allmählich auflöst, und die launigen Schockeffekte des Finales geraten schlichtweg humorlos und brutal. Dem Geiste Schumanns kommt sie kaum näher als dem Beethovens. Sie trifft die Töne, würde Dieter Bohlen sagen. Viel mehr bietet der „Carnaval“ aber auch nicht. Die unmotivierten Freiheiten im Rhythmus, die allzu forcierten Akzente, exemplarisch in der Valse allemande, sie dokumentieren nur jene Ratlosigkeit, die im Philistermarsch dann unfreiwillig zur Karikatur des Philiströsen wird – sofern man einen modernen Philister als jemanden definierten wollte, dem die Pforten zur Welt Schumannscher Poesie verschlossen bleiben. Ein angestrengter, geradezu zähneknirschender Expressivitätswille verrät, dass die junge Pianistin es ernst meint mit der Kunst – zur kurzberockten Trash-Fraktion auf dem Weg zur Beiläufigkeitshölle ist sie nicht zu zählen (dafür einen zweiten Stern!). Aber auf dem anderen, steinigen Weg ist sie mit dieser Momentaufnahme mächtig ins Stolpern geraten. Möge es trotzdem bergauf gehen!

Matthias Kornemann, 26.07.2014



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